Leid und FreudTauchen bei Kälte
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Linientreue

Will man die Lebewesen eines Riffes zählen, so muss man das Gebiet erst einmal strukturieren. Man schafft Linien - in der Fachsprache: »Transekte«.

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Das Projekt haben wir ja nun hinreichend vorgestellt und die Datenerhebung ist inzwischen im vollen Gange. Höchste Zeit also, die Methoden vorzustellen, mit denen man die Biomasse eines Riffes dokumentiert.

Um Koh Phangan herum wurden insgesamt vier metallene Kunstriffe und neun Betonriffe installiert. Auf jeweils dreien davon werden die Daten aufgenommen, ebenso werden zum Vergleich drei natürliche Riffe aufgesucht. Von allen neun Strukturen brauchen wir mindestens drei sogenannte Replikate - sprich Zählungen – ein Minimum, um es für brauchbare statistische Analysen zu nutzen.

Meine Volontäre arbeiten nach der »Belt-Transect-Methode«, die 1954 erstmals beschrieben wurde und zur Charakterisierung von Fischgemeinschaften eingesetzt wird. Das erlaubt uns auch, später in der Masterarbeit Ergebnisse anderer wissenschaftlicher Untersuchungen mit den meinen zu vergleichen. In den natürlichen Riffen werden also Transekte ausgelegt – das heißt, ein Taucher legt drei Maßbänder à 50 Meter hintereinander aus, bevorzugt bei jedem erneuten Besuch des Riffs an derselben Stelle, in derselben Tiefe und derselben Richtung. Die zwei nachfolgenden Taucher folgen dem Transekt und nehmen zweieinhalb Meter links und rechts des Maßbands die Fische auf dem Boden (»demersale Fische«) und die pelagischen Fische in der darüber liegenden Wassersäule auf. Die Taucher haben eine Schreibtafel dabei, auf der eine ellenlange Liste von Fischarten steht, die ich vorher zusammengestellt habe – teilweise ist die Tafel manchmal zu klein dafür! Noch dazu müssen die Fische auf ihre Länge von Kopf bis Schwanzflosse geschätzt werden. Das ist wichtig, um später die Biomasse zu ermitteln. Außerdem muss jedes Transekt à 50 Meter separat aufgeschrieben werden - und schnell sieht es ziemlich chaotisch aus. Solange meine Volontäre mir später aber sagen können, was sie gesehen haben, ist das kein Problem.

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Von der wissenschaftlichen Seite aus gesehen wäre es natürlich das idealste, selber die Fische zu zählen um sicher zu gehen, welche Fischarten gesehen wurden. Alleine kommt man aber nicht weit, und bekanntlich sehen mehr Augen auch mehr. So muss ich darauf vertrauen, dass alle meine lieben Fischvolontäre die Arten gut kennen, kriege aber in der gleichen Zeit wesentlich mehr Daten.

Nach jedem Tauchgang besprechen wir Probleme, die sich taucherisch ergeben haben, sowie »fischbezogene« Probleme. Taucherisch gibt es da Zwischenfälle wie halbgefüllte Taucherflaschen, das Vergessen der Maske, Unfälle unter Wasser wie Seeigelstiche, Probleme mit dem Equipment wie das Verknoten des Maßbands, zu starke Strömung, zu schlechte Sicht, dadurch bedingt ein verlorener Tauchbuddy. Wenn das, wie bei uns mal gerne, alles mehrere Tage hintereinander passiert und dazwischen auch noch Tage schlechten Wetters verhindern, dass das Boot hinausfährt, ja, da fragt man sich manchmal, ob man hier richtig ist. Wissenschaftlicher Praxisalltag eben. Glücklicherweise sind meine Volontäre so kommunikativ, dass diese Fehler schnell besprochen sind und der nächste Tauchgang reibungslos über die Bühne geht.

Gerade die Probleme der Strömung und schlechten Sicht haben zeitweise meinen Volontären ein paar Schwierigkeiten bereitet. Bei Sichtweiten von ein bis zwei Metern sind die Fische schneller weg als man denkt und gucken kann. Außerdem ist die Sicherheit der Taucher in dem Falle wichtiger als bestimmte Fischarten, die bei einem separaten Tauchgang mit besserer Sicht ebenfalls aufgenommen werden könnten. Mehrmals tauchten sie beispielsweise auf den künstlichen Metallriffen ab und kamen nach drei Minuten wieder. Wir überlegten uns hier, dann den zusätzlichen dritten Taucher als Sicherungstaucher einzusetzen, der aufpasst, dass die anderen beim Notieren der Fische nicht abdriften und alle dann notgedrungen auftauchen müssen. Da scheint das Problem von unbekannten Fischen gerade zu kleinlich.

Gemeinsam vergleichen wir die Daten und deren Unstimmigkeiten, Bilder von Fischen und verifizieren die jeweilige Art mit Büchern oder fragen Taucher, welche schon langjährig auf Koh Phangan tauchen und die Unterwasserwelt in- und auswendig kennen. Mein großes Glück ist, dass eine meiner Volontärinnen, eine Bachelorstudentin der „Hochschule für angewandte Wissenschaft Has“, selber ein paar wissenschaftliche Fragestellungen für ihren Kurs hat und somit sehr erpicht ist, dass alles seine Richtigkeit hat. Super, solch motivierte Leute um sich herum zu haben! So stellt man sich eine Forschungsstation doch vor….

Zur Person

Isabell Kittel
Biologin & Master-Studentin

Isabell Kittel hat einen Bachelor im »Management natürlicher Ressourcen« und studiert »International Studies in Aquatic Tropical Ecology« an der Universität Bremen. Derzeit verbringt die 26-Jährige ihr Praxissemester auf Koh Phangan, Thailand, zur Datenerhebung für ihre Masterarbeit. Als »Fan aller Unterwasserlebewesen« will sie »Wissenschaft vor verschlossenen Türen bewahren«.

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