Tauchen bei KälteWissen schaffen in Thailand
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Fische zählen

Produzieren künstliche Riffe Fischbiomasse, oder ziehen sie diese nur an? Um die Frage zu beantworten bleibt nur eines: Fische zählen.

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Mein Projekt trägt den Titel »Vergleichende Analyse von Ökosystemdienstleistungen künstlicher Riffe im Golf von Thailand – assoziierte Fischgemeinschaften, deren funktionale Diversität und Biomasse«.

Klingt kompliziert? Ein bisschen. Herunter gebrochen bedeutet es, dass ich mir die Fischgemeinschaften an den künstlichen Riffen ansehe und diese mit Fischgemeinschaften auf natürlichen Riffen der Umgebung vergleiche. Ich möchte herausfinden, welche Fischarten an den Riffen zu finden sind, wie viele Individuen jeder Art, möchte abschätzen, wieviel Biomasse diese Fische haben und ob sie als ökonomisch wertvoll gelten. Mit diesen Daten lässt sich anhand statistischer Analysen herausfinden, ob die künstlichen Riffe denn eigentlich auch Fischbiomasse produzieren oder diese nur anziehen.

Da jeder Fisch eine bestimmte Funktion in diesem Ökosystem hat – Räuber, Beute, Algen- oder Korallenfresser – kann man auch die funktionale Diversität bestimmen. Dies ist auch wichtig, um die Ökosystemdienstleistungen zu ermitteln.

Funktionale Diversität ist in natürlichen Korallenriffen extrem wichtig, da sie verhindert, dass Korallen von Algen überwuchert werden.

Auf den künstlichen Riffen kann dies eine Aussage darüber geben, wie weit das Ökosystem fortgeschritten ist und in welchem Zustand es sich befindet. Das ist von vielen Faktoren abhängig, wie zum Beispiel der Entfernung zu natürlichen Riffen, die als Quelle für die Besiedelung der künstlichen Riffen dienen, oder der Tiefe und damit der Lichteinstrahlung, da viele Bodenlebewesen, welche als Nahrung dienen, von der Sonnenenergie abhängig sind, oder oder oder. All diese Hintergrundparameter müssen ebenfalls aufgenommen werden damit man analysieren kann, welche davon am meisten auf die Fischgemeinschaften Einfluss nehmen.

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Das Projekt wurde durch die thailändische Regierung angestoßen. Das Amt für Meeres- und Küstenressourcen, oder besser, »Department of Marine and Coastal Resources«, kurz DMCR, wandte sich an COREsea, um Hilfe beim Monitoring derjenigen künstlichen Riffe zu erhalten, die in direkter Nähe der Forschungsstation installiert wurden. Diese sind für COREsea leichter zu erreichen als für das DMCR, denn Letzteres ist in Bangkok ansässig. COREsea hat enge Verbindungen zu meinem Masterarbeits-Betreuer der Universität Bremen, Dr. Christian Wild, der mir das Projekt vorstellte. So kam eins zum anderen und ich landete auf der Insel Koh Phangan.

Anfang Oktober, kurz nach meiner Ankunft, hatten wir die Ehre, Mitarbeiter des DMCR bei uns in der Forschungsstation begrüßen zu dürfen und sie für zwei Tage bei ihrer Arbeit zu begleiten. Das gab mir die perfekte Möglichkeit, selber einen Blick auf die künstlichen Riffe zu werfen, bevor die Datenaufnahme beginnt. So erfahre ich, worauf ich meine Volontäre eigentlich loslasse und kann genauere Anweisungen geben. Zusätzlich zu den Tauchgängen, auf denen die thailändischen Wissenschaftler das Riff inspizierten, Bilder machten und Muscheln für etwaige biologische Untersuchungen sammelten, nahmen sie Wasser-, Sediment- und Planktonproben.

Zur Person

Isabell Kittel
Biologin & Master-Studentin

Isabell Kittel hat einen Bachelor im »Management natürlicher Ressourcen« und studiert »International Studies in Aquatic Tropical Ecology« an der Universität Bremen. Derzeit verbringt die 26-Jährige ihr Praxissemester auf Koh Phangan, Thailand, zur Datenerhebung für ihre Masterarbeit. Als »Fan aller Unterwasserlebewesen« will sie »Wissenschaft vor verschlossenen Türen bewahren«.

Ich begleitete einen Bachelorstudenten hinunter zum Riff, der selbst seit einiger Zeit Daten über Meeresnacktschnecken sammelte. Im ersten Moment war ich etwas orientierungslos, mit all den anderen Tauchern auf dem Riff, doch als ich schließlich nahe genug war, war ich überrascht und freudig erstaunt über die Fülle von Lebewesen, die sich auf der alten Ölplattform tummelte! Ich hatte Schlimmeres erwartet – bisweilen keine einzigen Fische oder sonstige Lebewesen. Doch die Metallkonstruktion war dicht überwuchert von Muscheln, Hydrozoen, Schwämmen, Seegurken, man fand Krabben und Krebse in den toten Seepocken, und an Fischen mangelte es auch nicht. Juvenile und adulte Riffbarsche wimmelten nahe der Riffoberfläche umher, Füsiliere und Stachelmakrelen tummelten sich in regen Gruppen. Kaninchenfische mümmelten ungestört auf den Algen, während Zackenbarsche jedweder Größe auf dem Riff ruhten und nur wegen allzu nahe kommender Taucher von ihrem Platz abrückten. Wenn man ruhig blieb und genau hinsah, konnte man auch einen Blick auf scheue Schleimfische in den Seepocken erhaschen. Unterhalb der Metallstreben versammelten sich Fledermausfische, und mit einem scharfen Auge konnte man tiefer am Riff auch Schnapper und Barracudas beobachten, die durch die Taucher etwas verscheucht wurden.

Leider trübten organische Schwebeteilchen im Wasser oftmals die Sicht – was sie allerdings nicht trübten war die Freude über die Hülle und Fülle der Meeresbewohner! Meine anfängliche Skepsis war schnell in Begeisterung umgeschwungen – hier sollte ich (hoffentlich) gute Daten für meine Masterarbeit erhalten.

 

 

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