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Was kostet ein Riff?

Dass Korallenriffe wertvoll sind - auch für uns Menschen - ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass der Wert von Riffen auch tatsächlich beziffert wird.

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Geld regiert die Welt - und es ist eine Größe, mit der alle etwas anfangen können. So werden heutzutage selbst die Funktionen des Ökosystems selten anders wert-geschätzt als in Geld- und Dienstleistungen.

Es ist für Entscheidungsträger einfacher, sich anhand »greifbarer Zahlen« für den Schutz von Ökosystemen einzusetzen als anhand wissenschaftlicher Argumente, welche jedoch schwerer nachvollziehbar sind. Dies ist mitunter ein wichtiger Grund, weswegen Wissenschaftler und auch Naturschützer sich des Begriffs der Ökosystemdienstleistungen bedienen. Es ist ein Werkzeug, um die Natur angemessen lobbyistisch zu vertreten, birgt aber auch Gefahren in sich, da es nicht mehr um die Natur und ihr Dasein an sich geht.

Der Begriff »Ökosystemdienstleistungen« wurde in den 1960ern geprägt und erlangte durch das Millenium Ecosystem Assessment Anfang dieses Jahrhunderts immer mehr an Wichtigkeit. Das Wort an sich lässt erahnen, dass es sich um eine anthropozentrische Sicht handelt.

Ökosystemdienstleistungen sind definiert als die Umstände und Prozesse natürlicher Ökosysteme und deren Lebewesen, welche das menschliche Leben unterstützen und erfüllen.

Kurzum, die Verfügbarkeiten, die von Nutzen für den Menschen sind. Von dort ist der Schritt zu Evaluierungen von Ökosystemdienstleistung, also dem Abschätzen in monetären Werten, nicht mehr weit.

Ein marines Beispiel sind die Korallenriffe der ganzen Welt, welche laut TEEB (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) jährlich den ökonomischen Wert von 130 Milliarden Euro darstellen (etwa achtmal so viel wie das Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten), aufgrund ihres Nutzens, also Dienstleistungen für die Fischerei, den Tourismus und den Schutz der Küsten. Das Argument ist: würden die Korallenriffe absterben und mit ihnen die assoziierten Fische, verursacht das einen exorbitanten finanziellen Schaden im Fischereisektor und den anderen Sektoren.

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Ein solches Szenario könnte durchaus schon in diesem Jahr seinen Anfang nehmen. Ausgelöst durch den starken El Nino könnten die durch menschliche Einflüsse schon geschwächten Korallenriffe bleichen und möglicherweise sterben. Der Verlust der Ökosysteme und ihrer Leistungen stellt ein ernstzunehmendes Problem dar.

Bereits hier in Koh Phangan zu Beginn der Bildung des El Ninos Anfang 2015 fand eine Korallenbleiche statt, rund 70 bis 85 Prozent der Korallen waren laut internem Monitoring von COREsea in den anliegenden Korallenriffen betroffen. Derzeit wird ebenfalls an der Auswertung dieser wichtigen Daten gearbeitet, welche in Langzeitprojekte von COREsea einfließen.

 

Und wie wird der Begriff Ökosystemdienstleistung nun Teil meines Projektes? Kurz gesagt, es erlaubt mir die Funktionen von künstlichen Riffen und damit verbundenen Lebewesen einfacher zu kategorisieren. Wichtige Funktionen von Fischen sind beispielsweise die Vernetzung von Ökosystemen durch Migration, Unterstützung des Nährstoffzyklus, Regulierung von Nahrungsnetzen und Kontrolle von Algen und Pflanzen.

Des Weiteren werden aus Fischen und deren Toxinen Medikamente hergestellt und sie dienen als äußerst gesund geltende Nahrungsquelle für Millionen von Menschen.

Weiß ich einmal

a) welche Rolle die jeweiligen Fische für die Umwelt und die Menschen haben

b) welchen ökosystemischen Wert diese Rollen innehaben, sowie

c) welchen monetären Wert die Fische auf dem Markt erbringen, kann ich ungefähr abschätzen, welchen relativen Wert die Fische im Ökosystem natürliches Riff und Ökosystem künstliches Riff aufweisen.

Meines Erachtens hat jedes Lebewesen seine individuelle wertvolle Funktion im Ökosystem, und jede ist als wichtig zu erachten, auch wenn wir nicht sofort erkennen, welche Funktion ein jedes Lebewesen innehat. Leider werden die Bestandteile des Ökosystems gerne in nützlich und unnütz, oder vielmehr, in ökonomisch wertvoll und nicht wertvoll unterteilt. Es soll also vorrangig das geschützt werden, wovon der Mensch einen wirtschaftlichen Nutzen hat, was umgekehrt bedeutet, dass andere Funktionen und Prozesse, welche nicht die gewünschte Dienstleistung erfüllen, theoretisch nicht schützenswert sind.

Erst seit wenigen Jahren wird erkannt, dass auch andere, nicht direkt ersichtliche Funktionen der Ökosysteme wichtig sind und einbezogen werden müssen, wenn es um Schutz und Erhalt von Ressourcen geht – um den Erhalt der eigenen Lebensgrundlage - und all der technologischen Annehmlichkeiten heutzutage… .

Zur Person

Isabell Kittel
Biologin & Master-Studentin

Isabell Kittel hat einen Bachelor im »Management natürlicher Ressourcen« und studiert »International Studies in Aquatic Tropical Ecology« an der Universität Bremen. Derzeit verbringt die 26-Jährige ihr Praxissemester auf Koh Phangan, Thailand, zur Datenerhebung für ihre Masterarbeit. Als »Fan aller Unterwasserlebewesen« will sie »Wissenschaft vor verschlossenen Türen bewahren«.

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