Praxistipp Atmungueberfischung
Interview

»Nur einfach verschwommen«

Die Pottwalstrandung an der Nordseeküste Anfang des Jahres wirft viele Fragen auf. unterwasser sprach mit Dr. Gerd Meurs und und Prof. Dr. Ursula Siebert, die die in Schleswig-Holstein gestrandeten Wale untersuchen. 

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Deutschland, England, Holland und Frankreich – an zehn Stränden der südlichen Nordsee werden zwischen dem 8. Januar und dem 4. Februar 2016 insgesamt 29 Pottwale angespült.

Plastikmüll, Unterwasserlärm, Verhungern oder Verirrung - viele mögliche Ursachen werden diskutiert.

unterwasser sprach mit Dr. Gerd Meurs, Leiter des Multimar-Wattforum und stellvertretender Leiter der Nationalparkverwaltung, der die Bergung der Wale koordinierte, und Prof. Dr. Ursula Siebert, Direktorin des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung, die mit einem Team von 20 Veterinären der Tierärztlichen Hochschule Hannover vor Ort die Obduktion der Wale durchführte. 

Durch die Obduktion der Magen- und Darminhalte stand schnell fest, dass die Tiere nicht an Hunger litten.

Dr. Gerd Meurs: Richtig, sie hatten noch etliches an Futterresten in Magen und als Kot im Darm. Die Experten der Tierärztlichen Hochschule und vom GEOMAR fanden erhebliche Mengen an Tintenfischschnäbeln, die aus der norwegischen See stammen.

Prof Ursula Siebert: Erste Bestimmungen der Nahrung gemeinsam mit dem GEOMAR in Kiel weisen darauf hin, dass die Tiere vor kurzem noch im Nordatlantik unterwegs waren und noch nicht lange in der Nordsee. Teils hatten sie sehr viele Nahrungsreste im Magen und Kot im Darm gehabt. Ein Verhungern können wir damit ausschließen.

 

Frau Prof. Siebert, Ihr Institut forscht auch zu akustischer Umweltverschmutzung. Kann der Lärm von Ölplattformen und starkem Schiffsverkehr die Ursache sein?

Prof Ursula Siebert: Es ist unwahrscheinlich, dass dies in diesem Fall eine Rolle gespielt hat.

 

Nach einer neuen Theorie könnten die Wale Tintenfischschwärmen bis in die Nordsee gefolgt sein.

Prof Ursula Siebert: Ja, das ist ein wichtiger Ansatz, den wir weiter auf internationaler Ebene verfolgen.

 

Welche Ursache hatte die aktuelle Strandung der Pottwale in der Nordsee Ihrer Erfahrung nach?
Dr. Gerd Meurs: Wir hatten die Tage davor in der Nordsee starken Sturm gehabt, das hat die Tiere von ihrer eigentlichen Route eventuell abgebracht. Sie haben ja keine Karte im Kopf, wissen nicht, wo sich die Küsten abzeichnen und haben sich wohl verschwommen.

 

Sie sind vom Weg abgekommen?

Dr. Gerd Meurs: Ja. Wenn eine Art strandet – dann hat sich die Gruppe vermutlich einfach nur verschwommen. Stranden jedoch viele Arten, dann ist von einem größeren, lokalem Ereignis auszugehen, das Tiere über viele Arten hinweg betrifft.

 

Eine ausführliche Reportage zu den Pottwalstrandungen gibt’s in unterwasser Ausgabe 04/2016.

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