Interview mit Jim StandinNews
Interview

»Wir müssen die Ozeane am Leben erhalten, wie sie uns am Leben erhalten«

Inger Andersen, Generaldirektorin der Internationalen Union für Naturschutz (International Union for Conservation of Nature, IUCN) fordert eine nachhaltige Entwicklung ...

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»Wir müssen die Ozeane am Leben erhalten, wie sie uns am Leben erhalten«

Inger Andersen wurde 2015 zur Generaldirektorin der Internationalen Union für Naturschutz (International Union for Conservation of Nature, IUCN) ernannt. Sie arbeitet seit über 30 Jahren in den Bereichen internationale Entwicklungsökonomie, nachhaltige Entwicklung und Umweltverträglichkeit.  

 

unterwasser: Warum sind großflächige Meeresschutzgebiete so wichtig? 

Inger Andersen: Die Verhandlungen der Vereinten Nationen über den Klimaschutz (UNFCCC) in Polen zeigt uns allen, dass noch dringendere Maßnahmen erforderlich sind, um den gefährlichen Klimawandel zu vermeiden. Inmitten dieser Debatte steht die eindeutige Tatsache, dass wir auf einem Planeten der Ozeane leben, und das der Ozean zusammen mit der Atmosphäre, die das Wetter prägt, und vielen anderen Dingen, unsere Welt bewohnbar macht.
Wir haben jedoch durch unsere Aktivitäten einen schweren Tribut gefordert, in dem wir die im Ozean enthaltenen Lebensräume und Arten sowie seine Ökosysteme und Ökosystemdienstleistungen erschöpfen und auf unsere Kosten reduzieren. Wenn wir erfolgreich gegen den Klimawandel vorgehen wollen, müssen wir den natürlichen Reichtum und die Widerstandsfähigkeit der Ozeane wieder aufbauen. Wir können dies teilweise tun, indem wir gezielte Maßnahmen zum Schutz von besonders gefährdeter Arten oder Lebensräumen ergreifen, aber in Wirklichkeit wissen wir noch wenig über den Ozean selbst.
Diese großflächigen, vollständig geschützte Bereiche sind ein wichtiges Werkzeug im Werkzeugkasten. Sie haben eine Größenordnung, die wir dringend benötigen, um die Gesundheit des Ökosystems wiederherzustellen. Sie schützen uns vor unserer eigenen Unwissenheit, da wir die Funktionsweise von Ökosystemen nicht vollständig verstehen und sie sind günstger zu betreiben als Bereiche, in denen wir eine Vielzahl von Maßnahmen gleichzeitig  durchführen müssen. Die Wissenschaft zeigt uns, dass diese Großschutzgebiete funktionieren und eineErhohlung bewirken, die wir anstreben.
 
unterwasser: Werden gerade irgendwelche großen Meeresschutzgebiete vorbereitet?

Inger Andersen: Absolut. Angesichts der Erfolge, die in vielen Ländern zu verzeichnen sind, sind viele Pläne in Vorbereitung, um größere Gebiete des Ozeans zu schützen. Das Vereinigte Königreich prüft beispielsweise, welchen Schutz den Gewässern um mehrere seiner Überseegebiete gewährt werden kann. Die Arbeiten sind bereits weit fortgeschritten. Hier gibt es die Pläne für die South Sandwich Inseln im Südpolarmeer und im mittleren Atlantik für die Ascension Insel - entweder der vollständige Schutz für alle Gewässer oder nur der Hälfte, wobei die erste Option die kostengünstigere ist. 
 
Unterwasser: Das Ziel ist die Schaffung eines vollständig nachhaltigen Ozeans, mit mindestens 30% in denen keine rohstoffgewinnenden Aktivitäten stattfinden. Ist das wirklich genug?

Inger Andersen: Nein, und das ist in der Tat nur ein Teil dessen, was viele Leute jetzt diskutieren. Die Mitglieder der IUCN haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich geäußert. Was wir brauchen ist ein angemessener Schutz unserer Meere. Auf dem Welt-Schutzgebiete-Kongress in Sydney 2014 erteilten die Mitglieder der IUCN ein Mandat und einen weltweiten Aufruf für mindestens 30% vollständigen Schutz. Seitdem ist klar geworden, dass wir unsere Energien auf den gesamten Ozean konzentrieren müssen. Dies soll verhindern, dass eine Situation geschaffen wird, in der die Schutzerhaltungsgewinne durch den schlechten Umgang mit den verbleibenden 70% sofort vernichtet werden. Es ist jetzt ein umfassender Ansatz für den Ozean erforderlich, um sicherzustellen, dass jeder seinen Beitrag zum Schutz des blauen Herzens des Planeten leistet. Ein zukunftsweisender Rahmen sollte alle, die das Meer nutzen und davon profitieren dazu auffordern, erhebliche Verbesserungen in Bezug auf die Nachhaltigkeit zu erreichen, und gleichzeitig den Bereich des Ozeans, der vollständig geschützt ist, radikal auf über 30% erhöhen. Wie wir von der Unterschutzstellung von Flächen an Land hören, gibt es die Forderung, die halbe Erde der Natur zu widmen, und es scheint wenig Gründe zu geben, dies nicht auf das Meer anzuwenden, wenn der so offensichtliche Rückgang der lebenspendenden Ökosystemdienstleistungen des Meeres berücksichtig wird. 
 
unterwasser: Wie kann die Gesellschaft das unterstützen?

Inger Andersen: Vereinfacht gesagt, sind wir vom Ozean abhängig, auch wenn wir in unserem modernen Leben denken, wir stehen über diesen Dingen. Die Veränderung des Ozeans infolge unserer Aktivitäten verändert den Planeten. Wenn es zwischen all dem gute Nachrichten gibt, dann ist es das, dass die Länder sich der Herausforderung stellen - mehr Ozeanfläche steht unter vollem Schutz als je zuvor. Die Gesellschaft ist aufgewacht - weniger als 10 Minuten der BBC Blue Planet-Serie, die sich auf Kunststoffe aus dem Meer konzentrierte, haben eine ganze Generation verändert und tun dies auch weiterhin. Die größte Herausforderung bei alledem besteht vielleicht darin zu erkennen, wie eng das Meer und die Atmosphäre mit dem Klimawandel verbunden sind, und wie wir uns von anderen Arten auf der Erde nicht unterscheiden, weil wir davon abhängig sind, dass die Lebensbedingungen passen. Das Leben begann im Ozean und es ist für uns allen eine Verpflichtung, jetzt für die Ozeane zu handeln, sie zu erhalten wie sie uns am Leben erhalten. Kann sich die Gesellschaft, angesichts all der heutigen Erkenntnisse und der zunehmenden Besorgnis der Bürger, es sich leisten nicht sofort zu handeln?

 

 

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