unterwasser-UhrBuchvorstellung
Szene

»Tauchrekorde sind unsinnig«

Am 15. August verunglückte der amerikanische Tek-Taucher Dr. Guy Garman »Doc Deep« während eines Rekordversuchs tödlich. Eine Stellungnahme von Bret Gilliam.

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Beim Versuch, den seit 2014 bestehenden Rekord (332,35 Meter) des Ägypters Ahmed Gabr zu überbieten und die 1200 Fuß (365,76-Meter)-Marke mit offenem System zu erreichen, kehrte Guy Garman  nicht mehr an die Wasseroberfläche zurück.

Nach Informationen der lokalen Newsseite »The Virgin Islands Consortium« und von »Scuba Diving«, begann Garman seinen Rekordversuch um sechs Uhr morgens. Laut Plan sollte er nach zehn Stunden und 25 Minuten wieder die Oberfläche erreichen. Beim Abstieg wurde er bis in 200 Fuß (61 Meter) Tiefe von Sicherungstauchern begleitet, danach tauchte er allein weiter. Die Sicherungstaucher sollte er 38 Minuten nach dem Abtauchen in einer Tiefe von 360 Fuß (109,7 Meter) für den ersten Tiefenstopp wieder treffen. Doch Garman kam auf dem Rückweg nicht wieder dort an. Erst fünf Tage später wurde sein Leichnam geborgen.

unterwasser-Autor Bret Gilliam, der bereits 1990 einen Tieftauch-Rekord mit Pressluft auf 138 Meter aufgestellt hat, nimmt in einer E-Mail zum Unfallhergang Stellung:

»Es gibt Menschen, wie wir alle wissen, für die ist die Jagd nach Ruhm und Bekanntheit der einzige Antrieb im Leben. Bei Tauchern scheint es, ist es immer die Jagd nach Rekorden – normalerweise nach Tiefenrekorden, sei es mit Gerät oder unter Apnoe. Traurigerweise zieht diese Rekordjagd einen speziellen Typus von Menschen an, die sich mit beeindruckender Frequenz selbst um die Ecke bringen. Sie glauben, es ist alles völlig simpel und dass sie, wenn sie nur genug Ausrüstung an sich hängen haben oder sich am Gewichtsschlitten festhalten, eine Art Heldenstaus erreichen. Doch das klappt nur selten, viel öfter endet es mit dem Tod. Die Liste ist erschütternd.

»Heliox schaltet Gefahren aus«

Der verunglückte »Doc Deep« hat seine Karten früh aufgedeckt, schon indem er so einen egozentrischen Spitznamen annahm. Er hatte wenig echte Erfahrung und kopierte überholte Methoden, ohne wirklich die operativen Probleme und die Notwendigkeit von Alternativplanung zu verstehen. Dinge gehen nicht immer glatt. Aber diese Leute scheinen genau das zu glauben. Was die Sache noch tragischer macht, ist, dass Heliox die Gefahren wirklich ausschaltet – wenn es denn richtig eingesetzt wird. Dann reduziert sich ein Tieftauchgang auf das Atemgas-Management - und das sollte mit einem Rebreather gemacht werden. Es ist keine wirkliche Herausforderung, so einen Rekord aufzustellen. Es ist dafür ziemlich unsinnig. Berufstaucher waren schon auf Tauchgängen in Tiefen von über 2000 Fuss (609,6 Meter). Aus der Tauchglocke mit Schlauchverbindung. Es kann also durchgeführt werden. Warum also glauben einige Dummköpfe, dass sie sich profilieren, wenn sie sich ohne die richtige Ausrüstung in flacheren Tiefen als diese Profis herumtreiben? Als ich vor 25 Jahren den Tiefenrekord aufgestellt habe (siehe u 5/2015), war das ein Nebeneffekt des Forschungsprojekts, an dem ich zu jener Zeit arbeitete. Ich hatte keinerlei Interesse am Rekord an sich. Ich war am Anfang extrem abgeneigt, darüber zu sprechen, weil ich fürchtete, dass andere etwas versuchen würden, das jenseits ihrer Fähigkeiten liegt und sie sich damit umbringen würden. Als schließlich Magazine und Zeitungen über meinen Rekord berichteten, geschah das beinahe sieben Monate nach dem Tauchgang. Der Beweggrund, im Jahr 1994 mein Tieftauch-Buch zu schreiben, war, die Taucher zu schulen, für das Thema zu sensibilisieren und zu erklären, warum die überwältigende Mehrheit von ihnen gewisse Tiefengrenzen niemals überschreiten sollte. Dann versuchte Dan Manion einen Pressluft-Rekord und erreichte tatsächlich 500 Fuß (152,4 Meter). Er war dabei aber völlig unzurechnungsfähig und hatte keine Erinnerungen mehr an den Tauchgang. Er konnte glücklich sein, überlebt zu haben und gab das auch offen zu. Aber ich schätze, mittlerweile hat es mindestens 20 Möchtegern-Rekordtaucher gegeben, die umgekommen sind. Aber niemand interessiert sich wirklich dafür. Die Todesfälle im Freitauchen sind sogar noch verrückter.

»Offene Systeme sind irrwitzig«

Die Rekordjäger verstehen Physik und Physiologie hinter dem Tieftauchen nicht und sind keine »Arbeitstaucher«, die multitasken können. Offene Systeme bei solchen Tauchgängen zu verwenden ist irrwitzig. Es stehen doch Kreislauf-Geräte zur Verfügung, die praktisch unbegrenzte Tauchzeiten ermöglichen und die Narkose und Sauerstoff-Toxizität kontrollieren. Aber sie tauchen trotzdem weiter mit der falschen Ausrüstung ab und mit abstrusem Vertrauen. Und sobald etwas schiefgeht, sind sie tot. Sieht man das Video an, das »Doc Deep« kurz vor seinem Tod veröffentlicht hat, sieht man Vorzeichen. Falsche Ausrüstung, überladene Taucher, die mit ihren Equipment-Paketen nicht schwimmen können - alles konzentriert sich auf das »runter und rauf«. Es gibt keine wirklichen Sicherungstaucher in der Tiefe und keinen Alternativplan für Probleme in der Tiefe. »Doc Deep« beendet das Video mit der Aussage »All Good«. Kurz darauf ist er tot. Ich kann solche Leute nicht verstehen. Und das Schema wird weiter so bleiben. Es ist besorgniserregend, und es tut mir schrecklich leid für die Hinterbliebenen. Bret Gilliam

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