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Interview

Miss Umweltschutz

Interview mit Kiara Aiello, promovierte Neurobiologin aus Venezuela, engagierte Umweltschützerin – und Kandidatin beim Schönheitswettbewerb »Miss Scuba International 2015«.

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Anders als bei klassischen Schönheits-Wettbewerben geht es bei Miss Scuba International (MSI) darum, Aufmerksamkeit für den Schutz der Ozeane zu erzeugen. Die Teilnehmerinnen aus aller Welt werden deshalb maritimen Umweltschutz lernen und leben, tauchen und selbst aktiv werden (z.B. bei einer Strandreinigung). unterwasser-Chefredakteur Lars Brinkmann hat sich mit Kiara Aiello in Jena getroffen.

Frau Aiello, wir sitzen hier in einem veganen Café – Zufall oder erster Hinweis auf Ihr Umwelt-Engagement?

Eher Letzteres – ich bin zwar noch nicht vegan, aber immerhin Vegetarierin. Das ist gesünder, als Fleisch zu essen, und besser für die Umwelt. Eine win-win-Situation.

Wissenschaft und Umweltschutz auf der einen, eine Miss-Wahl auf der anderen Seite – wie passt das zusammen?

Im Jahr 2010 habe ich meinen PhD (wissenschaftlicher Doktorgrad, Anm. d. Red.) in Biologie erworben – und habe seither viel nachgedacht. Dabei habe ich gemerkt, dass es eine große Diskrepanz gibt zwischen dem, was ich gelernt habe, dem was ich fühle und dem was ich tue. Ich habe dann alles hinterfragt, was ich getan habe. Besonders habe ich mich gefragt: Was kann ich tun, um meinen eigenen negativen Einfluss auf die Natur zu verringern? Jena war hierfür genau die richtige Stadt, weil es hier viele nachhaltige Projekte gibt. Engagiert habe ich mich dann beim „Climate Reality Project“ – wollte aber jetzt ein neues Publikum ansprechen. Dafür ist der MSI-Wettbewerb ein geeignetes Mittel, da er wirklich etwas für die Ozeane bewirkt – zum Beispiel bei einem Underwater Cleanup. Außerdem werden die Teilnehmerinnen von WWF, Manta Trust und Green Connection trainiert. Dabei lernen sie beispielsweise, Umweltschutz gut zu kommunizieren. Nach einer online-Bewerbung bin ich ausgewählt worden. Und jetzt geht es im November nach Malaysia.

Worauf möchten Sie besonders aufmerksam machen?

Ich bin Toxikologin – insofern liegen mir die Gefahren durch Umweltgifte besonders am Herzen. Wenn man in Venezuela aufwächst, wird man sich der Umweltproblematik extrem bewusst: Wir haben eine wunderschöne karibische Küste – aber wir machen sie Stück für Stück kaputt. Mein Onkel und meine Tante arbeiteten in einem Nationalpark. Dort sind Lobster und Schildkröten geschützt – trotzdem bekommt man sie ständig angeboten. Was noch schlimmer ist: All die Plastik-Verpackungen in unserem täglichen Leben - man benutzt sie nur ein paar Sekunden lang, doch sie bleiben für Hunderte von Jahren. Die Leute sollten auf eine verantwortungsvollere Art verreisen. Jedes Gramm Plastikmüll weniger reduziert den negativen Einfluss auf die Natur.

Als ich kürzlich in Brasilien war, habe ich jedes Stück Plastik mit zurück nach Deutschland genommen – hier gibt es zum Glück ein funktionierendes Recycling-System.

Gifte und Chemikalien – wie stark gefährden sie die Ozeane?

Chemikalien sind in der Natur eigentlich normal. Aber die Menge von heute sprengt jedes Maß, und vieles davon ist komplett künstlich. Sogar von Städten fernab jeder Küste gelangen giftige Stoffe in die Ozeane! Plastik ist dabei ein großes Problem, aber nicht das einzige. Alles was wir tun hat einen Einfluss auf die Natur.

Kann ein Schönheitswettbewerb dabei helfen?

Ich denke ja. Klar steht beim Publikum der Schönheits-Aspekt im Vordergrund, aber beim MSI nehmen die Leute auch Informationen mit. Das Event dauert zwei Wochen, und in dieser Zeit bekommt jeder Teilnehmer eine Menge Wissen vermittelt. Ich habe diesen Background schon – aber eben nicht alle. Auch wenn alle Kandidatinnen Taucherinnen sein müssen.

Wie steht es eigentlich mit dem Tauchsport selbst – kann der auch ein Umweltproblem sein?

Ja, kann er. In Sipadan zum Beispiel war das so. Zu viele Taucher auf zu wenig Platz. Aber ein verantwortungsvoller Tourismus hat das geändert. Heutzutage sind dort nur noch 120 Tauchgänge täglich erlaubt. Andererseits ist der Tauchsport ein Werkzeug, das Positives bewirkt – zum Beispiel die Gründung von Organisationen wie Project AWARE.

Wie dramatisch ist die Situation der Ozeane? Ist es fünf vor oder fünf nach zwölf?

Es gibt immer eine Lösung. Menschen sind kreativ, und es gibt eine Menge Aktionen, um das Steuer herum zu reißen. Vor allem die Mikropartikel sind extrem schwierig aus dem Wasser zu entfernen – ein überwältigendes Problem, aber noch können wir handeln. Ein gutes Beispiel, wie man das Problem kreativ angehen kann, ist der Ocean Cleanup, ein Projekt, bei dem im großen Stil Plastik aus dem Ozean gefischt wird. Wir müssen es versuchen, immer wieder versuchen, bis wir das Problem gelöst haben. Wenn ich mich einfach zurücklehne, wäre ich mitverantwortlich. Und extrem eigennützig.

Weitere Infos:
Blog von Kiara Aiello (englisch):
missscubainternational.wordpress.com
Zum Wettbewerb:
www.missscuba.com

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Zur Person

Dr. Kiara Aiello
Neurobiologin und Umweltschützerin

Seit fünf Jahren lebt und arbeitet Kiara Aiello in Deutschland. Die promovierte Biologin forscht an der Universität Jena und engagiert sich im Umweltschutz, besonders im Bereich Gifte und Chemikalien. Doch die wissenschaftliche Bühne ist ihr für diesen Zweck nicht genug. Deshalb hat sie sich für die Teilnahme am internationalen Schönheitswettbewerb „Miss Scuba International 2015“ (MSI) beworben – und wurde als Vertreterin ihres Heimatlandes Venezuela ausgewählt. Mitte November wird sie an dem zweiwöchigen Event in Malaysia teilnehmen.

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