Iron Lady
Reportage

Der Palast des Khan

Der See Issuk-Kul birgt viele Geheimnisse. Liegt auf seinem Grund der Palast eines legendären Herrschers? Ein Archäologenteam hat sich auf die Suche gemacht.

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Vor beinahe 1500 Jahren machte sich ein chinesischer Buddhisten-Mönch auf zu einer Pilgerfahrt nach Indien. Unterwegs überwand er viele Schwierigkeiten und Gefahren, und nachdem er für etwa sechs Kilometer durchs Gebirge gewandert war, kam der Reisende an ein großes Gewässer.

Dabei handelte es sich um den See Issyk-Kul, in den zahlreiche Flüsse mündeten und der ringsum von Bergen umgeben war. Der Mönch beschrieb den See so: »Die Farbe des Wassers ist grünlich-schwarz, es schmeckt salzig und bitter. Die ausladenden Wellen kommen heran wie eine riesige Walze oder sie bäumen sich auf und attackieren das Ufer mit unwiderstehlicher Kraft. Der See beheimatet Drachen und Fische, und manchmal tauchen außergewöhnliche Ungetüme aus den Tiefen auf. Aus diesem Grund beten Reisende für ihr Wohl. Der See hat viele Bewohner, aber niemand wagt es, sie einzufangen.«

Aber es ist kaum möglich, die menschliche Neugier und den Wissensdurst zu unterdrücken. Seit dem 19. Jahrhundert erforschen russische Wissenschaftler die antiken Überreste um Issyk-Kul, die von Felsmalereien und 3.000 Jahre alten Kurgans (Grabhügel von Nomaden) bis hin zu frühchristlichen Klöstern und mittelalterlichen Städten reichen. Früh schon richtete sich die Aufmerksamkeit der Forscher auch auf die Hinterlassenschaften, die unter der fantastischen, kobaltblauen Wasseroberfläche von Issyk-Kul liegen.

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Forschung mit schwerem Tauchgerät

Bereits im 19. Jahrhundert widmeten sich russische Wissenschaftler den Ruinen mittelalterlicher Mauern auf dem Grund des Sees. Was sie herausfanden, war so faszinierend, dass der örtliche Generalgouverneur die Russische Geografische Gesellschaft darum bat, die archäologischen Untersuchungen unter Wasser mit einem Tauchteam zu unterstützen. Zur damaligen Zeit war die Tauchausrüstung noch sehr schwerfällig und unbequem. Die Archäologie befand sich als Wissenschaft noch in ihrem Anfangsstadium und lieferte noch recht unspektakuläre Ergebnisse. Darüber hinaus waren die Forscher nicht in der Lage zu bestimmen, um was für ein geheimnisvolles Bauwerk es sich da unter Wasser handelte, aus welcher Zeit es stammte und wie und wann der Fund vom See überspült worden war.

Hierzu entwickelten sie mehrere Theorien. Der berühmte russische Orientalist V. V. Barthold vertrat 1894 die Ansicht, es könnte sich bei den Unterwasser-Ruinen um die Überreste einer Festung handeln, die seit langem aus verschiedenen schriftlichen Quellen bekannt sei. Der arabische Autor Ahmad ibn Arabshah berichtete im 15. Jahrhundert und Mohammed Haydar im 16. Jahrhundert von der Existenz einer großen Insel mit zahlreichen Befestigungsanlagen und Gebäuden im nördlichen Teil des Sees Issyk-Kul. Diese Gebäude wurden dem Eroberer Timur zugeschrieben. Einige Quellen besagten, dass er auf der Insel Gefangene festhielt, andere behaupteten, dass er sich dort nach seinen Feldzügen zur Erholung mit schönen Konkubinen umgab.

In den Jahren 1926 und 1927 untersuchte der Archäologe P. P. Ivanov die Unterwasser-Ruinen sorgfältig und kartografierte sie, »so dass künftige Forscher nicht so viel Zeit damit verbringen mussten, nach dem zu suchen, was sie interessierte.« Aber es war nötig, die Forschungen unter Wasser weiterzuführen, um das Bild der Ruine zu vervollständigen.

1939 machte sich ein Team professioneller Taucher mit schwerem Helmtauchgerät zum See auf. Es gab dort jedoch keine Schiffe, die man als Tauchplattformen hätte einsetzen können. Überhaupt schienen die Profis nicht optimal ausgerüstet zu sein, um den Grund des Sees zu erforschen oder gar einen akkuraten Plan anzufertigen.

1958-1960: Tauchgänge mit leichterer Ausrüstung

Der Archäologe D. F. Vinnik nutzte leichteres Equipment – eine Sporttaucher-Ausrüstung mit einem alten Kreislaufatemgerät. Während für die schwere Tauchausrüstung ein großes Unterstützungsteam am Ufer, eine Tauchstation, Spezialfertigkeiten und bemerkenswerte Körperkräfte erforderlich waren, konnte jeder Archäologe den Umgang mit dem Scuba-Equipment leicht erlernen und sofort nach dem Tauchkurs einsetzen. Diese Ausrüstung war alles andere als perfekt und die Verfahren der Unterwasser-Archäologie wurden gerade erst entwickelt, aber die Expedition förderte großartige Ergebnisse zutage.

Die Studie des von Vinnik geleiteten Unterwasser-Archäologen-Teams bestätigte indirekt die Vermutungen früherer Forscher, dass es sich bei dem untersuchten Bereich um nichts anderes als um die Insel handelte, auf der Timur seine Geiseln gefangen hielt. Doch die Wissenschaftler korrigierten einige Aspekte der älteren Theorien: Leben gab es auf der Insel auch vor und nach Timur, wie Unterwasser-Artefakte aus dem 10. bis 12. und aus dem 15. und 16. Jahrhundert belegten.

Nach mehreren archäologischen Untersuchungen im Bereich der Nordküste von Issyk-Kul galt die Existenz der Unterwasser-Fundstätten als gesichert und die unbezweifelbare Absenkung der Küstenlinie des Sees als bewiesen. Das Team bestätigte die Theorie, dass die Absenkung die Folge einer Naturkatastrophe war, nämlich eines Erdbebens. Eine Untersuchung des Seegrunds zeigte, dass es dort noch mehr archäologische Fundstätten gab, als man vorher angenommen hatte. Trotzdem wurden die Forschungsarbeiten im Issyk-Kul für beinahe ein Vierteljahrhundert nicht fortgesetzt.

National Geographic Expedition

Die Einführung von leichter Sporttauch-Ausrüstung für Archäologen, das Ende des 20. und der Beginn des 21. Jahrhunderts führten zu einer großartigen Entdeckung: Man hatte die Überreste der alten Stadt Chigu unter Wasser gefunden. Die Stadt, die aus chinesischen Quellen bekannt war, hatte man vorher erfolglos an verschiedenen Orten in Kirgisistan gesucht, konnte aber keinen rechten Beweis für ihre Existenz finden.

Die Aufmerksamkeit der Altertumsforscher richtete sich auch wieder auf den »Palast von Tamerlan«. Eine National-Geographic-Expedition aus renommierten Archäologen aus Kirgisistan, Russland und den USA machte sich in das Gebiet auf. Wissenschaftler bestätigten, dass die Untiefe früher tatsächlich eine Insel mit Gebäuden aus der Timur-Ära war, auf der auch ein großes, luxuriöses Anwesen stand. Zur damaligen Zeit waren nur Moscheen oder Paläste in dieser Art errichtet worden.

Seit den Wissenschaftlern alle klassischen und modernen Forschungsmethoden mit den neuesten Technologien zur Verfügung stehen, ist es nicht nur möglich, die Funktion des Gebäudes zu bestimmen, sondern auch das Aussehen der Bauwerke zu rekonstruieren. Und schließlich ein weiteres Mysterium: Wie kam es dazu, dass die alte Siedlung vom Wasser überspült wurde?

Mythen und Märchen

Geschichten machten die Runde, wie schnell und stark ein See seinen Wasserspiegel verändern kann und ließen mit der Zeit ein Märchen entstehen. So erzählte der Großvater seinem Enkel, dass es da in dem See einmal eine Insel mit einem Palast gegeben und der Herrscher, der dort lebte, die Götter erzürnt hatte. Diese ließen daraufhin den Wasserspiegel immer höher ansteigen, bis man die Ruinen auf dem Grund nicht mehr sehen konnte. Der Enkel erzählte die Geschichte wieder seinen Enkeln weiter und fügte ein paar neue Details hinzu, bis daraus die Legende von ill-Khan und dem Seegeist entstand.

Die Erklärung der modernen Wissenschaft: Alle Binnenseen auf unserem Planeten werden vom Klima und der Tektonik beeinflusst. Deshalb verändern sich die Wasserspiegel fast aller größeren Seen auf der Welt. Mehr als hundert verschiedene Flüsse und Ströme fließen in den See Issyk-Kul, aber nicht einmal der kleinste Bach entspringt dort. Issyk-Kul ist völlig abhängig von den riesigen Gletschern, die sich über die umliegenden Berge erstrecken. Aber leider nimmt die Fläche dieser Gletscher kontinuierlich ab; pro Jahr schmelzen etwa fünf bis sieben Meter weg. Gleichzeitig werden die vom Gletscherwasser gespeisten Flüsse seichter. Hinzu kommt, dass Menschen den Flüssen immer mehr Wasser entziehen, um damit ihre landwirtschaftlichen Nutzflächen zu versorgen. Das sind die Gründe, warum Issyk-Kul an »Gewicht« verliert. Einheimische berichten, dass sich die Küste an manchen Stellen in den letzten 15 bis 20 Jahren um 100 bis 200 Meter zurückgezogen hat. Spuren der alten Küstenlinie weisen auch auf den Abfall des Wasserspiegels hin, der in den letzten 150 Jahren zehn bis 12 Meter betragen hat.

Zu Zeiten von Tamerlan war der Seespiegel deutlich niedriger als heute und folglich herrschte auch ein anderes Klima vor. Dr. Fredrik Hiebert, Leiter des archäologischen Projekts am Issyk-Kul und Archaeology Fellow bei National Geographic, meint:

»Ich glaube, dass dieses Projekt nicht nur ein Land betrifft, es ist wichtig für die ganze Welt, weil die Geschichte von Issyk-Kul die Geschichte des Klimawandels auf unserem Planeten widerspiegelt.«

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