Issuk-KulKaukasus
MENSCHEN

The Iron Lady

Immi Wallin dürfte die Frau sein, die weltweit die meisten Wracks gefunden, betaucht und dokumentiert hat. Ein Besuch bei Finnlands berühmtester Taucherin.

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Panik ist nicht ihr Ding. Auch dann nicht, wenn sie einen Schwall Salzwasser durch das Mundstück ihres Kreislaufgerätes einatmet.

Noch weniger schockt es sie, wenn sie in 80 Meter Tiefe in der Ostsee tauchend plötzlich von völliger Dunkelheit umgeben ist. Auch Politiker, die sich mit Händen und Füßen gegen ihre sachlichen Argumente gegen die Errichtung eines Speicherbeckens für chemische Abwässer wehren, regen sie nur wenig auf. Und doch gibt es eine Sache, bei der sie keinen Halt kennt und am liebsten Amok laufen würde.

Finnischer Meerbusen, südlich von Hanko: Immi Wallin steht steuerbords mit der Bojenleine in der Hand. Die kleine, stämmige Mittfünfzigerin zieht die Sonnenbrille zur Nasenspitze und grinst: »So ein Wetter hatten wir den ganzen Sommer über nicht. Schau dir diese spiegelglatte See an. Das ist sehr selten. Du hast großes Glück. Es hätte viel schlimmer sein können. Aber tauchen ist für dich heute trotzdem nicht drin.« Was das angeht, ist sie konsequent. Am Telefon war die Rede von einem Geheimauftrag, der auch für uns interessant sein könnte, ob wir zusammen abtauchen oder nicht, könne sie noch nicht sagen. Wie sich jetzt herrausstellt, hat sie diese Option von vornherein ausgeschlossen und es »vergessen zu sagen«. Es hätte zu lange gedauert, um eine Genehmigung des finnischen Militärs zu bekommen, sagt sie.

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Ein kurzes »nyt« (»jetzt«) aus dem Steuerhaus, und die Boje ist gesetzt. Immer mehr Leine wickelt sich aus einer großen Kiste über die Reling in die Tiefe. Nachdem der letzte Meter verschwunden ist, verschwindet auch Immi ins Steuerhaus, übernimmt das Ruder und verankert ihren umgebauten Fischtrawler in 100 Meter Entfernung vom Bojenpunkt. »Wir müssen vorsichtig sein, sonst könnte unser Anker die Aufbauten des Kreuzers beschädigen.« Um das zu vermeiden, checkt sie nochmals das Sidescan-Sonar, wirft einen Blick auf ihr Allround-System mit Tiefenmesser, Radar und GPS-System. Alles wie es sein sollte.

»So jetzt kann ich dir auch sagen, worum es geht. Wir haben vor zwei Jahren den russischen Panzerkreuzer Pallada gefunden. Der wurde im ersten Weltkrieg vom deutschen U-Boot U26 versenkt. Vor einer Woche haben wir von Marinetauchern die Info bekommen, dass die beiden Maschinentelefgrafen verschwunden sein sollen. Eigentlich kennen aber nur wir und die finnische Marine die Position des Wracks. Und dass jemand durch Zufall ein Wrack wie dieses in 80 Metern Tiefe entdeckt, ist ausgeschlossen. Wir haben den Auftrag bekommen, nachzusehen, Spuren zu suchen und das Wrack soweit wie möglich zu dokumentieren. Ich hoffe, dass wir nichts finden und niemand so dumm war, dort unten wirklich etwas zu klauen.«

Nach der kurzen Erklärung gibt es die Lagebesprechung mit ihrem Team. Der Wechsel vom Englischen ins Finnische lässt ihre Aussprache von einem auf den anderen Moment hart und rau werden. Jetzt wird auch nicht mehr gegrinst, jetzt wird ernst geschaut. Es folgen klare Ansagen, wer wann und wie tief tauchen wird und welche Aufnahmen gemacht werden müssen. Während andere Frauen in Immis Alter darüber nachdenken, welche Gewürze in die Bratensoße kommen, stellt sie sich die Frage, mit welchem Gasgemisch sie in 80 Meter Tiefe tauchen sollte.

Tauchen beherrscht ihr Leben. Sie wächst in Helsinki auf, steckt mit zwölf Jahren erstmals ihren Kopf unter Wasser und ist fasziniert. »Obwohl ich damals mehr über den Meeresboden gelaufen als getaucht bin, war das Gefühl toll.« Mit 16 macht sie einen offiziellen Tauchschein, war aber damals schon zig Mal mit ihrem Vater zwischen den Schäreninseln vor Helsinki auf Wracksuche. »Ich entschloss mich, mein Leben mit dem Meer zu verbringen und studierte Meeresbiologie. Und da ich eh die ganze Zeit tauchte, wurde ich Tauchlehrerin. Damals war ich die erste und einzige PADI-Tauchlehrerin Finnlands. So hatte ich plötzlich zwei Jobs. Ich war Meeresbiologin und bekam mehr und mehr Aufgaben bei PADI. Das ging so nicht weiter. Ich musste mich für eine Sache entscheiden.«

Sie entschied sich für eine Karriere bei PADI. Am Ende waren es 20 Jahre, die sie für die Ausbildungsorganisation arbeitete. Sie wurde zur Regional-Managerin für das Mittelmeer, verbrachte den Großteil des Jahres in Griechenland und der Türkei. »Mein Sohn und mein Mann bekamen mich in dieser Zeit selten zu sehen. Aber ich wollte etwas leisten und bewirken.« Und sie hat etwas geleistet. Sie war die treibende Kraft für die Aufhebung des generellen Tauchverbots in Griechenland. »Ich hatte lange und viele Gespräche mit Politikern, Ministerien und Verbänden. Es hat über sechs Jahre gedauert. Aber nun ist es geschafft.« Seit 2006 darf in Griechenland überall dort getaucht werden, wo es nicht ausdrücklich verboten ist – das ist Immi Wallins Einsatz zu verdanken.

»Dann war die Zeit gekommen, um nur noch das zu tun, was mir Spaß macht. Ich habe meine eigene Firma gegründet, mir ein Boot gekauft und suche seitdem Wracks, arbeite für staatliche und private Unternehmen. Ich kann mir aussuchen, was ich mache.« 

Heute hat sie sich dazu entschlossen, nicht mit ihrem JJ-Kreislaufgerät abzutauchen sondern mit ihrem Doppel-15er-Paket. Sie lässt sich in ihren Trocki helfen und wuchtet anschließend ihre Ausrüstung auf eine kleine Empore, um dann gekonnt mit ihr zu verschmelzen. Als sie wieder aufsteht, ist sie vor lauter Flaschen, Lampen und Stage-Tanks fast nicht mehr zu sehen. Einzig ihre blauen Augen strahlen hinter dem Maskenglas hervor. Dann verschwinden sie und ihr Buddy unter der glattgebügelten Wasseroberfläche der Ostsee.

Langsam gleichen sich Himmel und Meer einander an. Aus dem stahlharten Himmelsblau wird ein grauer Schleier. Meer, Himmel und Horizont sind nicht mehr zu unterschieden. Seit einer halben Stunde ist auch der Bootsmotor aus, liegt das Boot völlig ruhig in der See. In regelmäßigen Abständen bringen Ausatemblasen die einzige Unruhe in die fast schon gespenstische Szenerie. Nach über einer Stunde ist es dann soweit, ein roter Punkt bringt Farbe ins Grau. Immi taucht auf, gibt ein kurzes Ok-Zeichen und ist mit wenigen Flossenschlägen am Boot angekommen.

Kaum hat sie den Atemregler ausgespuckt, beginnt sie freudig zu erzählen: »Verdammt war das schön. Die Sicht da unten ist unglaublich. Aber unsere Befürchtungen haben sich bestätigt.« Vor der Boots-Leiter im Meer treibend, erzählt sie, dass die beiden Maschinentelegrafen tatsächlich verschwunden sind. »Wer, verdammt nochmal macht so etwas?« Noch immer im Meer treibend flucht sie vor sich hin.

Eine halbe Stunde später ist der Anker gelichtet. »Wir werden die Küstenwache informieren, denen die Position des Wracks durchgeben und hoffen, dass sie dort ab und zu mal vorbeischauen. Dann werden wir der Kulturbehörde Bescheid geben, und die werden Anzeige gegen Unbekannt stellen. Nächste Woche machen wir dann Termine mit der Zeitung und dem Fernsehen. So machen wir es den Dieben schwerer, die Artefakte zu verkaufen. Aber ich gehe mal davon aus, dass die Diebe die Sachen für sich selbst behalten werden. Wie auch immer, es ist eine Schande. Wir waren noch lange nicht mit der Dokumentation des Wracks fertig.«

Ein paar Wochen später wird Jouni Polkko, Immis Tauchpartner an diesem Tag, in einer finnischen Nachrichtensendung zu sehen sein, Bilder des Wracks zeigen und die Geschichte der gestohlenen Telegrafen erzählen. Bis zum heutigen Tag bleiben diese jedoch verschwunden.

Verschwunden sind auch hunderte, wenn nicht sogar tausende Schiffe vor der südfinnischen Küste. Einerseits war diese Ecke der Ostsee schon immer umkämpft, da hier die Route von und nach Sankt Petersburg verläuft. Andererseits ist die Ostsee im Finnischen Meerbusen sehr flach und mit Schäreninseln und vielen Felsformationen über und unter Wasser durchzogen. So finden sich hier Wracks aus den Zeiten der Wikinger neben Wracks aus den Weltkriegen. Das Besondere ist aber nicht die enorme Anzahl sondern der unglaublich gute Zustand, in dem die Schiffe und auch U-Boote heute noch sind.

»Die Ostsee hat hier einen sehr niedrigen Salz- und Sauerstoffgehalt. Zudem sind viele Wracks unter Schlamm begraben. Alles zusammen ist das beste Konservierungsmittel, dass man sich vorstellen kann.« Deshalb ist sich Immi auch sicher, noch viele Überreste zu finden, die nur darauf warten, dass ihnen ihre Geschichte entlockt wird. Immi ist bereit dafür. In den letzten Jahren hat sie ihr geliebtes Boot »Yoldia« nicht nur mit Sidescan-Sonar, Echolot und einem kleinem ROV (unbemanntes U-Boot) aufgerüstet, sondern gleich noch mehrere Speichertanks mit Helium und Sauerstoff sowie einen Kran installiert.

»Im Prinzip können wir überall alles machen. Suchen, bergen, finden – alles kein Problem. Aber weißt du was der schönste Moment ist? Wenn ich mal wieder das Sidescan laufen lasse und durch Zufall auf etwas stoße, dass sich dann als neues Wrack herausstellt. Und wenn ich dann die erste sein darf, der es seine Geschichte erzählt. Ich liebe das.«

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