Interview mit Friederike Kremer-ObrockOpalmine
Reportage

Bruchstelle Island

Die Erdgeschichte reißt Island langsam auseinander. Die Folge: Erdbeben, Vulkanausbrüche – und weltweit einmalige Tauchgänge an der Grenze der Kontinente.

Anzeige

Diese Ruhe. Diese unglaubliche Ruhe. Eine Stille, die man in sich aufsaugen kann. Die man zuhause im dicht bevölkerten Mitteleuropa kaum noch kennt, wo man immer irgendetwas hört – das Brummen des nahen Straßenverkehrs, Gesprächsfetzen, Musik aus irgendeinem Lautsprecher. Hier, im hohen Norden Islands, am Ende der Welt oder zumindest von Europa: Nichts, abgesehen vom Wehen des Windes, doch das gehört zum Nichts dazu.

Eine raue, unwirtliche Gegend ist das hier, östlich des Whale Watcher-Örtchens Húsavík und des Bergmassivs der Vatnafjallgarður: Eis und Schnee bedecken die umliegenden Hänge, im Tiefland krallen sich Flechten und Moose an schwarzes Lavagestein. In einer Ebene unweit von hier haben die Amerikaner in den 60er Jahren ihre Mondfahrzeuge ausprobiert. Der Grund? Nun ja, die Landschaften sind sich ähnlich. Und das Gefühl der Abgeschiedenheit auch. 

Weitblick um den Gefrierpunkt

Zu unseren Füßen eine Spalte im Gestein: rund zwei bis drei Meter breit, etwa 200 Meter lang. Gefüllt mit einem Wasser, das so klar ist, als wäre es gar nicht da: die Nesgjá-Felsspalte, die erst im vergangenen Jahr von dem Berufstaucher Erlendur Bogason aus Akureyri entdeckt wurde. »Eher zufällig« sei er bei Arbeiten in dem benachbarten See auf diese Narbe in der Erdkruste gestoßen, erklärt Erlendur. »Mehr als zehn Taucher waren da noch nicht drin«, fügt er beiläufig hinzu, und so fühlen wir uns in dem nassen Nichts zwischen den Felswänden wie Pioniere. 

Anders als in der bekannteren, unregelmäßigen und zerklüfteten Silfra-Erdspalte im Südwesten Islands verlaufen die Wände der Nesgjá fast parallel zueinander, und der sandige Boden bleibt konstant auf drei bis vier Meter Tiefe. Erst am Ende der Felsspalte müssen wir krabbelnd und kraxelnd eine Untiefe überwinden – da, wo die Felsen bis auf 20 Zentimeter an die Oberfläche reichen und wo die enge Spalte in eine weite Lagune übergeht. 

Eine Lagune, deren Wasser dem Taucher gleichfalls einen unglaublichen Weitblick beschert und die man am liebsten gar nicht mehr verlassen würde. Wenn da nicht ein klitzekleiner Haken wäre: eine Wassertemperatur, die jetzt im März um die null Grad beträgt. Lagune und Felsspalte frieren nur deshalb nicht zu, weil eine leichte Strömung das Wasser in konstanter Bewegung hält.

Eine Insel zerreißt 

Erdspalten à la Silfra und Nesgjá sind die sichtbaren Narben einer unsichtbaren, sich ständig verbreiternden Wunde. Der Riss zwischen den Kontinenten, genauer gesagt zwischen der amerikanischen und der eurasischen Platte, verläuft diagonal durch Island, etwa vom Südwesten bis in den Nordosten. Jedes Jahr reißt die Drift dieser beiden Platten die Inselhälften um etwa zwei Zentimeter auseinander – wobei die entstehende Kluft mittels Vulkanismus von geschmolzenem Gestein gefüllt wird. 

Etwa 130 aktive Vulkane gibt es auf Island, und die Bewohner haben gelernt, mit gelegentlichen Ausbrüchen und Erdbeben zu leben. Erst am 21. März 2010 brach im Süden der Insel, unter dem Eyjafjallajökull-Gletscher, ein Vulkan aus. Ein Ausbruch, der wochenlang erwartet worden war, und der noch glimpflich verlief. Doch der Eyjafjalla legte nur eine kurze Ruhepause ein, um Mitte April erneut ausfällig zu werden. Und diesmal legte der Vulkan richtig los: Seine gigantischen Aschewolken wurden vom Wind nach Südosten getrieben und legten mehrere Tage lang den Flugverkehr in Europa lahm.

 

Anzeige

Anzeige

Die „silberne Dame“

Die Silfra-Spalte, Islands legendärster Tauchplatz, liegt genau zwischen den »Hauptschuldigen«, den beiden tektonischen Platten. Wer an den Engstellen die Felswände zu beiden Seiten berührt, der hat zu einer Seite Amerika, zur anderen Europa in der Hand. Die »silberne Dame« (sinngemäße Übersetzung des Wortes »Silfra«) ist eine schroffe Bekanntschaft: Stellenweise sackt der Felsgrund bis über 40 Meter Tiefe ab, wo herab gefallene Felsbrocken mehrere Tunnel und Höhlen bilden. 

Zwischendurch steigt er mehrmals bis dicht unter die Wasseroberfläche – ein Jojo-Profil, den Tauchern von der Erdgeschichte aufgezwungen. Streckenweise rücken die Wände bis auf einen guten Meter aneinander, um ein kurzes Stück weiter wieder großzügige »Hallen« zu bilden. Etwa 600 Meter lang ist diese Schlucht aus Lavagestein, in der man sich vorkommt, als schwebe man durch eine von Tolkien erdachte Fantasielandschaft. Kurz vor dem Ende der Spalte, in der rund 100 Meter langen, weiträumigen »Kathedrale«, geht der Felsgrund in Sand über, steigt an und führt über einen flachen Übergang in eine Lagune – ein Gewässer mit rund 120 Meter Durchmesser, das man mühelos von einem Ende zum anderen durchblicken kann. »Und zwar das ganze Jahr über, denn in der Silfra ist das Wasser immer glasklar«, sagt Tobias Klose, deutscher Chef der in Reykjavík ansässigen Tauchbasis ­DIVE.IS

Das „klarste Wasser der Welt“

»Die Silfra«, so verkündet er stolz, »hat vielleicht das klarste Wasser der Welt.« Und für diese grenzenlose Sicht hat er auch eine Erklärung: Rund 50 Kilometer nördlich sickert beständig Wasser aus dem Langjökull-Gletscher in den Boden. Hier bewegt es sich durch das Lavagestein unterirdisch südwärts, wird dabei gereinigt und tritt 30 bis 100 Jahre später in der Silfra-Spalte wieder aus – sauberer und klarer als nach einem jahrzehntelangen Waschgang in der besten Kläranlage des Planeten. »Ruhig mal während des Tauchgangs einen Schluck trinken«, meint Tobias. »Ein besseres Mineralwasser gibt es nicht.«

Nach dem Tauchgang durch Fantasia hat uns die raue Wirklichkeit wieder. Denn die taucherisch eigentlich problemlose Silfra hat neben der Wassertemperatur von etwa zwei Grad eine weitere unfreundliche Seite, die Tobias eine »kostenfreie Island-Hiking-Tour« nennt: Der gute halbe Kilometer vom Ausstieg zurück zum Auto muss zu Fuß zurückgelegt werden – was zumindest im Frühjahr mit schöner Regelmäßigkeit einen Marsch durch Wind, Schneeregen und reichlich Matsch bedeutet, der durch Tauchgerät und Blei nicht leichter wird.

 

Wasser spuckende Nadel 

Am nächsten Tag geht es gen Norden. Das Ziel ist der Eyjafjörður – ein tief eingeschnittener Fjord, der faktisch etwa 50 Kilometer südlich des Polarkreises liegt und gefühlt unendlich weit nördlich davon. Am Westufer des Fjords döst die Mini-Ortschaft Hjalteyri vor sich hin, bestehend aus einer Handvoll Wohnhäuschen und einem Hafen mit langem Steg und großen Lagerhallen. Die aber allesamt leer stehen, seit die schwächelnden Heringsbestände den örtlichen Fischern einen Strich durch die Gewinnrechnung machten. So umweht den Hafen ein Hauch Geisterstadt, der durch das Pfeifen des Windes von den eisigen Hängen rundherum richtig filmreif wird.

Das Wasser des Eyjaförður liegt grau unter grauem Himmel und wirkt als Tauchgewässer so einladend wie ein eisgekühlter Drink auf ein Lawinenopfer. Hilft nichts, wir müssen trotzdem rein, denn unter seiner Oberfläche verbirgt sich eine Art überdimensionierter Stalagmit: Aus 70 Meter Tiefe erhebt sich hier eine Felsnadel bis 15 Meter unter die Oberfläche, aus der an mehreren Stellen ständig 75 Grad heißes Wasser in den eisigen Fjord strömt – ungefähr 100 Liter pro Sekunde, wie der Berufstaucher Erlendur Bogason schätzt.

Gemeinsam mit einem Freund, dem Kapitän eines Whale Watching-Bootes, hat Erlendur im Jahr 1997 auch diesen Platz entdeckt und ihn »Strýtan« genannt. Eine einmalige Laune der Natur, denn normalerweise kommen solche Schwefelwasserpumpen nur unterhalb der 2000 Meter Tiefe vor. Dennoch waren bislang nicht allzu viele Taucher am Strýtan, haben das Flirren bewundert, wo das heiße Wasser in das kalte strömt, und sich über Seehasen, Seewölfe und Seeanemonen gefreut. Kein Wunder, denn zwei Dinge werden dem Tauchplatz seine Exklusivität sichern: eine Wassertemperatur, die ungeachtet heißer Quellen um den Gefrierpunkt pendelt, und seine Lage im Niemandsland zwischen Nordeuropa und ewigem Eis.

Flüsschen zum Aufwärmen

Wer im Geisterhafen von Hjalteyri dachte, wir hätten das Ende der Welt erreicht, hat sich getäuscht. Der Rand der Erdenscheibe muss noch weiter nordöstlich liegen. Irgendwo hinter dem Whale Watching-Örtchen Húsavik, das in den vergangenen Jahren mit einem Walpenis-Museum von sich reden machte. Irgendwo in der Nähe der drei Felsspalten Vesturgjá, Midgjá und Austurgjá (West-, Mittel- und Ostspalte), in denen sich tonnenschwere Felsbrocken verkeilt haben, die nur von winzigen Felsvorsprüngen daran gehindert werden, auf den Grund zu poltern. »Die könnten vielleicht sogar von den Luftblasen eines Tauchers gelöst werden«, grinst Erlendur und fügt fröhlich hinzu: »Nicht jedermanns Sache, darunter durchzutauchen.«

Aber vielleicht liegt das Ende der Welt auch bei dem gottverlassenen Weiler Keldunes, einer Handvoll Häuschen, die sich tapfer gegen den ewigen Wind stemmen. Direkt vor ihnen entspringt der kleine Fluss Litlaá, und der wartet im hohen Norden Islands mit einer Rarität auf: Seit einem Erdbeben im Jahr 1977 sprudelt aus unzähligen kleinen Kratern am Flussgrund warmes Wasser, und so verwöhnt das flache Flüsschen seine wenigen Besucher mit Temperaturen von über 17 Grad Celsius. Schleimalgen bedecken den Grund, und die Forellen werden riesengroß. Richtig warm ums Herz wird es uns in der Litlaá, und so wollen wir am liebsten gar nicht mehr raus. Denn auf dem Trockenen zerrt wieder der Märzwind Islands an uns. Egal, nachdem dicke Daunenjacken über den Unterziehern Väterchen Frost in Schach halten, hüllen sie uns wieder ein: Ruhe und Einsamkeit, als wäre die Zivilisation noch nicht erfunden. Nur zwei struppige Hunde, die über die seltene Störung erfreut sind, durchbrechen die Stille. Aber die gehören zur schweigenden Endlosigkeit dazu. 

Reise-Info

Anreise: Islands internationaler Flughafen in Keflavik liegt rund 50 Kilometer von Reykjavík entfernt. In die Hauptstadt gelangt man am besten mit den regelmäßig verkehrenden Shuttlebussen, die den Busbahnhof und große Hotels anfahren.

Unterkunft: Reykjavík hat ein großes Hotelangebot für prall gefüllte Geldbeutel. Ein Tipp für die schmalere Börse ist das Isafold Guesthouse (Barugata 11), das mit einfachen, aber gemütlichen Zimmern sowie Altstadtnähe punktet. Buchung ist auch über die Tauchbasis DIVE.IS möglich. Infos: www.isafoldguesthouse.is

Tauchen: Anlaufstation ist die  Tauchbasis DIVE.IS in Reykjavík unter Leitung des Deutschen Tobias Klose. Von hier aus geht es per Auto zu den Tauchplätzen rund um Reykjavík wie der Silfra-Spalte und dem Kleifarvatn-See (Abholung vom Hotel möglich, Tauchgänge können mit Sightseeing kombiniert werden). Zudem organisiert die Basis mehrtägige Tauchausflüge mitsamt Unterkunft in den Norden und Osten der Insel, unter anderem auch zum Wrack des Öltankers »El Grillo«. Infos: Tel. (0 03 54) 6 63 28 58, E-Mail dive@dive.is, www.dive.is.

Zur Person

Martin Strmiska
Fotograf und freier Autor

Martin Strmiska war als langjähriger freier Fotograf für unterwasser schon auf der ganzen Welt unterwegs. Nach Island reiste er zusammen mit unterwasser- Chefreakteur Lars Brinkmann.

Anzeige