FlussfahrtPott-Perle
ZIELE

Fall ins Nichts

Untergang im Flammeninferno: Der Supertanker »Haven« wurde Opfer seiner eigenen Ladung.

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Die Arbeiten an Bord waren in vollem Gange, als das Unglück geschah. Der Supertanker »Amoco Milford Haven« hatte 230.000 Tonnen Rohöl geladen, die an die Pipeline vor Genua geliefert werden sollten. 80.000 Tonnen der Ladung waren bereits gelöscht.

Als die Besatzung den Rest des Öls von den Seitentanks in den Zentraltank pumpen wollte, kam es zur Katastrophe: Eine Explosion im Laderaum riss das Schiff auseinander. Fünf Crewmitglieder, darunter der Kapitän, waren sofort tot. Der Rest der Besatzung konnte sich aus dem Inferno retten.

Vier Tage lang tobten die Flammen in der Bucht von Genua, die schwarze Rauchsäule war kilometerweit zu sehen.

Sämtliche Versuche, das Schiff zu bergen, waren vergeblich: Als die Küstenwacht den brennenden Tanker in Richtung Küste schleppte, brach ein Teil des Bugs ab und sank auf eine Tiefe von 490 Metern. Auch das Heck der Haven konnte nicht geborgen werden: Es wurde noch ein Stück zur Küste gezogen, ging dann aber am 14. April 1991 unter.

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Unüberschaubar

In 80 Metern Tiefe nahm das Heck in der Nähe des Badeörtchens Arenzano seine endgültige Position ein. Es steht aufrecht auf dem Kiel, als würde es ewig weiterfahren wollen. Dass der vordere Teil des Bugs fehlt, tut den gewaltigen Dimensionen des Haven-Wracks keinen Abbruch: Es ist noch immer unüberschaubare 250 Meter lang. Der Schiffsbauch mit den Aufbauten ist so hoch wie ein 18-stöckiges Wohnhaus. 50 Meter Höhenunterschied liegen zwischen der Kommandobrücke und dem Kiel. Der riesige Hauptkamin musste gekappt werden, damit er nicht den Schiffsverkehr behindert. Heute endet der Kaminstumpf in 34 Metern und bietet ungekannte Einblicke in ein System aus Rohren und Schächten, das in solch einem Schlot zusammenkommt.


Das größte Wrack des Mittelmeers ist ein Magnet für Tech-Taucher der ganzen Welt. Ausgerüstet mit Trimix und Stageflaschen erkunden sie das ausgebrannte Relikt bis in die letzten Zentimeter. Gewöhnliche Sporttaucher sind hier eher selten anzutreffen. Die Mindestvoraussetzung für Tauchgänge an der Haven ist ein Brevet, das Abstiege bis 40 Meter erlaubt. Auch wenn man das Wrack in dieser Tiefe nur ansatzweise erkunden kann, lohnt sich die »Einsteiger-Tour« zwischen 33 und 40 Metern.

Zur Person

Martin Strmiska
Fotograf und freier Autor

Martin Strmiska war als langjähriger freier Fotograf für unterwasser schon auf der ganzen Welt unterwegs. Nach Ligurien schickten wir ihn zusammen mit unserer Autorin Nina Zschiesche.

Unbedeutend klein

Der Abstieg erfolgt im Blauwasser entlang eines Seils. Auf den ersten Metern ist nichts von der Haven zu sehen. Ein Fall ins Nichts. Bis auf einmal die Sicht aufklart und der Kamin ins Blickfeld rückt. Langsam ist die Kommandobrücke zu erahnen. Bei guten Sichtverhältnissen kann man fast den gesamten Aufbau überblicken. Die einzelnen Decks führen ins Dunkel wie die Absätze einer überdimensionalen Treppe.

Angesichts der Weite und Größe des Wracks fühlt man sich unbedeutend klein. Wie einer dieser kleinen, roten Fahnenbarsche, die in Scharen das Wrack bevölkern. Sie sind nicht die einzigen Bewohner: Die Leitern, die von Deck zu Deck verlaufen, sind mit Austern und Algen überwachsen, hin und wieder macht sich ein Drachenkopf beleidigt davon, weil ihn die Lampen der Taucher in seiner Ruhe stören, und Conger verstecken sich in kleinen Schloten und Einbuchtungen.

Der Kontrollraum des Supertankers lädt gefahrlos zum Erkunden ein. Türen und große Fensterschluchten bieten viele bequeme Einstiege. Vom Inventar ist jedoch so gut wie nichts übrig geblieben. Die Flammen haben die Zwischenwände und alle Instrumente zerstört. Nur eine kleine Statue ist noch da, ein Heiliger, der seit beinahe 20 Jahren einsam in der Tiefe steht und seine Hände gen Himmel reckt. Als würde er noch immer darum flehen, von den Flammen verschont zu bleiben.

Reise-Info

Haven Diving Center Arenzano

Eine kleine Tauchbasis direkt im Hafen von Arenzano, die auf Tauchgänge an der Haven und technische Tauchausbildung spezialisiert ist. Das Gerödel ist nach wenigen Schritten im Schlauchboot verstaut, die Fahrt zur Haven ist angenehm kurz. Nach dem Tauchen gibt es herzhafte Focaccia – das belebt selbst durchgefrorene Taucher nach langen Dekostopps.

Tauchguides: 10-12
Tauchschiffe: 1 Zodiac
Nitrox/Trimix: nein/ja
Rebreather: nur Füllmöglichkeit
Verleih Computer/Foto: ja/ja
Ausbildung: IDEA, DIA, PADI, SSI, IANTD
Website: www.havendiving.com
Adresse: Arenzano, Via del Porto 6

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