Haie in NorwegenBiologe Norbert Jorek im Interview
ZIELE

Tiefgang im Teutoburger Land

Der Tauchpark in Ibbenbüren ist Deutschlands größte künstliche Tauchwelt. Wracks, Höhlen und Tempelruinen inklusive.

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Die Liebe zum Wasser teilen Michaela Twelker und ihr Lebensgefährte Steve schon seit Jahren. Die Unterwasserwelt gemeinsam zu erkunden und die Schwerelosigkeit beim Tauchen zu genießen, ist jedoch ein Traum, den beide bislang noch nicht verwirklicht haben.

Und so kam Steve eine famose Idee. Zum nächsten Geburtstag sollte seine Frau  ein „Erlebnisgeschenk“ bekommen. Einen Schnuppertauchgang. Im riesigen Seerosen-Folienteich im NaturaGart Unterwasserpark in Ibbenbüren. Gedacht, geschenkt! Ab November lag der Geschenkgutschein dann allerdings erst mal in der Wohnzimmerschublade, denn da  NaturaGart samt Tauchbasis die  Pforten erst ab April öffnet, hieß es warten – und die Vorfreude schüren.

Tauchgang im Folienteich

Langsam erwacht der NaturaGart Park im Teutoburger Land jedes Jahr im Frühling wieder  zum Leben. Blumen blühen überall und strecken sich gierig dem Sonnenlicht entgegen. Schmetterlinge, Libellen und Bienen suchen in dem ökologischen Park nach Nahrung. Überall sind Informationen über Teiche und Gartengestaltung zu finden, das Café Seerose  und das Palmen-Bistro warten mit feinen Getränken und leckeren selbstgebackenen Kuchen auf  Gäste. Zu den Highlights gehört das Kaltwasseraquarium. Es ist täglich bis zur Dämmerung geöffnet und gewährt einen Einblick in das Leben der Fische bei kalten Temperaturen.

Vor den geöffneten Pforten wartet  auch Michaela darauf, ihren Geschenkgutschein fürs Schnuppertauchen einzulösen. Sie ist, das merkt Steve ihr an, ein bisschen aufgeregt. Immerhin soll es für sie bis in eine Wassertiefe von etwa sieben Metern gehen. Im neuen Übungsbecken mit geschultem Personal kann sie ihre ersten Erfahrungen in der Unterwasserwelt machen. Erst dann geht es mit dem Tauchlehrer in den Unterwasserpark in den gigantischen, seerosenbestandenen Folienteich.

Lichtspiele im Tempel

Je nach Sonneneinstrahlung entstehen darin wunderschöne Lichtspiele. Mystisch werden der auf fünf Meter Tiefe liegende Tempel und das Tal mit den riesigen Ägyptischen Katzenskulpturen beleuchtet. Ein versunkenes Wrack bietet die Herberge für Jungfische. Seitliche Gänge führen in Höhlen, die allerdings für Anfänger nur bedingt geeignet sind. Langsam schwebend hat man genügend Zeit, all die Fischschwärme zu beobachten. Und plötzlich zeigen sich die Stars des Teichs, die Störe! Die Riesenfische haben ein harmloses Saugmaul und scheuen sich nicht vor den blasenblubbernden Kreaturen aus der „Oberwelt“. Doch auch hier gilt das oberste Gebot der Taucherwelt: Angucken ja, anfassen nein.

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Mangelnder Durchblick

Solch erlebnisreiche Streifzüge unter Wasser setzen eine sorgfältige Vorbereitung voraus – vor allem für die Tauchlehrer. Einer von ihnen erläutert Michaela zuerst die wichtigsten Grundkenntnisse, anschließend wird die Tauchausrüstung zusammengebaut und die Handhabung des Atemreglers  „trocken“ geübt. Und dann geht es an der Hand des Tauchlehrers in die Tiefe. Langsam gewöhnen sich Michaelas Augen an die relativ gute Sicht im Wasser. Die war allerdings nicht immer so und führte in der Vergangenheit  zu manch unzufriedenen Tauchern.

«Normalerweise bauen unsere Kunden Teiche mit einem Fassungsvermögen zwischen 20 und 500 Kubikmetern. Im Unterwasserpark sind allerdings 35.000 Kubikmeter.»
Norbert Jorek


Seit 2008 hatte sich die Sichtweite im NaturaGart Unterwasserpark kontinuierlich verschlechtert und lag dann 2013 meist nur noch bei einem Meter. Für den Biologen und Taucher Norbert Jorek, der den Unterwasserpark gebaut und das NaturaGart-System für klares Wasser in Schwimm- und Fischteichen entwickelt hat, ein Problem. Das Unternehmen beschäftigt in der Hauptsaison im Frühjahr bis zu 140 Mitarbeiter, die jährlich etwa 1000 Schwimmteiche planen, das Baumaterial liefern und oft auch den Bau betreuen. Die in den letzten Jahren zunehmend schlechtere Sicht des Unterwasserparks drohte daher zu einem echten Imageproblem zu werden. Daher ging der 64-jährige Firmengründer selbst an die Unterwasser-Front.

Da NaturaGart ein eigenes Wasserlabor betreibt, war die Ursache für die Eintrübung im Teich schnell gefunden: Der explodierende Maisanbau für Biogasanlagen hatte den Nitratwert im Grundwasser von ursprünglich 30 Milligramm pro Liter auf über 100 Milligramm pro Liter hochgetrieben. Diese scheinbar kleine Menge summierte sich im Nachfüllwasser auf einen vergleichbaren Nährstoff-Import von zirka 1,5 Tonnen Blaukorndünger pro Jahr.

Sedimente, Sedimente!

Die erste Maßnahme war ein Stopp der verseuchten Grundwasserimporte. Das Wasser für NaturaGart wird jetzt zunächst in die benachbarte Wasserwildnis geleitet. Unterwasserpflanzen entnehmen dort etwa 95 Prozent des Düngers. Die Qualität des Nachfüllwassers wurde dadurch sehr schnell besser, doch der extreme Nährstoffschub löst ein starkes Algenwachstum aus. Die Nährstoffe steckten zunächst in den Algen, durch das winterliche Absterben sanken sie ins Sediment. Mit dem beginnenden Tauchbetrieb im Frühjahr wurde das Sediment durch Taucherflossen wieder aufgewirbelt, und die dort abgelagerten Nährstoffe gelangten wieder ins Wasser und düngten die nächste Algengeneration. Während des Jahres wird der größte Teil der Nährstoffe von einer Alge zur nächsten weitergereicht. Erst im Winter sinken die absterbenden Algen wieder auf den Grund und bilden eine immer dicker werdende Sedimentschicht.

Parallel dazu entstand ein zweites Problem: Wenn die Algen für ihr intensives Wachstum nicht genug Kohlendioxid im Wasser zur Verfügung haben, spalten sie es aus wassergelösten Kalkverbindungen ab. Dadurch entsteht auf den obersten vier Metern ein weißlicher Belag, die sogenannte Seekreide. Auch da spielen Taucherflossen wieder eine entscheidende Rolle: Wenn die Taucher an den Felsen entlang schwimmen, „bürsten“ sie mit ihren Flossen den Kalk ins Wasser und verursachen damit eine weißliche Trübung, die die Sichtweite ebenfalls beeinträchtigt.

Ganz schön mulmig

Parallel zur Begrenzung des Düngerimports verstärkte NaturaGart die hauseigene Filtertechnik. Inzwischen laufen jeden Tag zirka 10.000 Kubikmeter Wasser über die großen Trommelfilter mit eingebauten UV-Anlagen. Alle drei Tage läuft der gesamte See über die Filter, diese können allerdings nur Partikel aus dem Wasser nehmen. Die mechanische Filterung reicht nicht aus, solange aus dem aufgewirbelten Sediment ständig neue Nährstoffe ins Wasser gelangen. Der einzige Weg zur Lösung des Problems führt daher über die Entfernung des Sediments. Dies passiert kontinuierlich mit Hilfe von 43 Ansaugpunkten am Boden des Teichs. Das sedimenthaltige Wasser strömt von dort in große Pumpenschächte, aus denen es dann in die Trommelfilter gepumpt wird. Eine vollständige Entschlammung ist nur während der kalten Jahreszeit möglich, weil dann die meisten Algen abgesunken sind und am Boden liegen. Anfang 2014 wurden daher etwa 4000 Quadratmeter Felswände des Sees mit Hochdruckreinigern abgestrahlt. Der aufgewirbelte Mulm sank auf den Boden und wurde in über 300 Tauchgängen von Tauchern abgesaugt. Etwa 40 Quadratmeter stichfester Schlamm sammelte sich auf diese Weise im Schlammfang. Den Rest zu beseitigen schafften die vier großen Trommelfilter mit den angeschlossenen Filtergräben. Zusätzlich wurde das algenfördernde Phosphat in speziellen Filteranlagen gebunden und dem See entzogen.

Zur Person

Norbert Jorek
Biologe & NaturaGart Gründer

Norbert Jorek ist Biologe und hat NaturaGart in den 1970er Jahren gegründet. Das Unternehmen besteht seit über 35 Jahren und ist Marktführer bei Selbstbausystemen für große Teiche. Hauptsitz ist ein alter Gutshof, dessen Umfeld zu einer großen Parklandschaft umgestaltet wurde. Dort befindet sich neben der weltweit größten, künstlich angelegten Unterwasserlandschaft für Sporttaucher auch das größte Kaltwasseraquarium der Republik. Die zahlreichen Teiche im Park sind für NaturaGart ein Freilandlabor, in dem neue Produkte entwickelt werden. Das Unternehmen berichtet regelmäßig auf www.naturagart.tv über den Park, die Tiere und Pflanzen sowie neue Entwicklungen. Dort gibt es auch mehrere Videos über den Unterwasserpark und die Sanierungsmaßnahmen.

Im Interview mit unterwasser gibt Jorek weitere Hintergrund-Informationen.

Geklärte Sache

Seit Juli 2014 liegt die Sicht im NaturaGart-Folienteich konstant bei mindestens vier Metern, an vielen Tagen auch bei sechs bis acht Metern. Für Süßwasser sind das Spitzenwerte, über die sich auch Schnuppertaucherin Michaela freut. »Niemals hätte ich gedacht, dass man so viel Spaß unter Wasser haben kann. Meine Begegnung mit den Stören und der geheimnisvollen Flora und Fauna wird bestimmt nicht die letzte sein. Mein nächstes Tauchabenteuer steht schon auf dem Programm!« Und was sagt ihre „bessere Hälfte“ Steve dazu? Der bestellt lächend das zweite Stück Kuchen und freut sich auch. Hat er doch so gleich »drei Fliegen« mit einer Klappe geschlagen! Duft und Blumen? Gibt’s rundherum im NaturaGart Park. Feinen Geburtstagskuchen dazu im Café und  tauchen gleich neben der Kaffeetasse! Besser feiern geht nicht.

reise info

Ibbenbüren und der Unterwasserpark NaturaGart liegen am Fuße des Teutoburger Walds in Nordrhein-Westfalen, etwa 30 Kilometer vom Münster entfernt.

NaturaGart Unterwasserpark Betriebs-GmbH
Riesenbecker Str. 63-65
49479 Ibbenbüren
Tel. 054 51/59 34 621


unterwasserpark(at)naturagart.de
www.naturagart-tauchpark.de

Der Fotograf

Alle Fotos: Udo Kefrig

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