Pott-PerleTiefgang im Teutoburger Land
Norwegen - Stavanger

Haitauchen im Nordmeer

Keiner wusste, dass sie hier waren. Bis zu jenem Tag im Juli vor zwei Jahren, als ein Taucher sich in den kalten, klaren Gewässern von Norwegen unvermittelt von Hunderten von Haien umzingelt sah.

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Ein Beutel mit toten Fischen hängt von der Ankerleine, leise in der Dünung schaukelnd, und entlässt eine Wolke aus köstlichem Fischaroma ins Meer.

Das grüne Wasser ist ziemlich klar, der sommerlichen Algenblüte zum Trotz. Dann taucht aus dem Nichts ein glänzendes, torpedoförmiges Etwas auf: Der erste Dornhai ist eingetroffen. Er scheint sehr neugierig, untersucht als Erstes die Fotografen, magisch angezogen von dem Geschwader aus Blitzen – dann erst widmet er seine Aufmerksamkeit dem Köder.

Plötzlich ist alles voller Haie, über unseren Köpfen bilden sie große Schulen. Wir versuchen, sie zu zählen – doch es sind zu viele. Das müssen Hunderte sein! Ein Schwarm Alaska-Seelachse gesellt sich dazu und mischt sich unauffällig in den Trubel um den Köder. Sie zeigen keinerlei Angst, scheinen vielmehr genauso begeistert vom Geruch nach totem Fisch. Die Haie verfallen nun in eine Art Fressrausch und verhalten sich überraschend ganz so, wie wir es von Haien in tropischen Destinationen kennen. Sie erinnern an Weißspitzen-Riffhaie – nur in einer kleineren, aber noch neugierigeren und noch furchtloseren Ausführung.

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Das Büffet ist eröffnet

Die nächsten 90 Minuten werden die Taucher bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr vergessen. Raymond füttert die Haie aus der Hand, es gibt Makrelen. Die Haie mühen sich, mit ihren kleinen, unglaublich scharfen Zähnen Stücke aus dem Köder zu schneiden. Einige von ihnen werden sehr forsch, verbeißen sich im Köder und zappeln wie wild, um Häppchen aus dem toten Fisch herauszusägen. Ein extrem aufdringliches Exemplar knabbert zärtlich an der Kopfhaube eines Tauchers, während ein anderer mit seinen Zähnen ein Blitzkabel untersucht – was nicht gerade für Begeisterung sorgt, und der freche Hai wird schnell verjagt. Unter den Dornhaien scheinen sowohl männliche als auch weibliche Tiere zu sein, das Alter variiert von juvenil bis adult, die größten Exemplare sind über einen Meter lang. Manche der Weibchen scheinen trächtig zu sein, aber sie sind alle sehr zutraulich und begegnen den Tauchern mit Neugier. Langsam, aber sicher müssen wir zurück an die Oberfläche, und eine Gruppe Haie begleitet uns bis zum Boot. Wow!

Obwohl der Dornhai eine der häufigsten Haiarten der Welt ist, bekommen Taucher ihn sehr selten zu Gesicht. Normalerweise kann man schon froh sein, ein einzelnes Tier anzutreffen – und das auch nur mit Glück und bei einem kalten, tiefen Nachttauchgang im Januar oder Februar. An der norwegischen Südküste kann man Hunderte von ihnen antreffen – in einem üppigen Kelpwald, in moderaten zwölf Metern Tiefe und sozusagen direkt am Strand.

Great Barrier Reve

Als Raymond Hobberstad, ein norwegischer Taucher, sich inmitten hunderter Dornhaie wiederfand, wusste er, dass ihm gerade etwas ganz Besonderes widerfahren war.

»Ich tauchte mit dem Scooter im Kelpwald, in nächster Nähe unseres örtlichen Hafens mit dem Namen Reve, als ich für einen kurzen Moment von meinem Buddy getrennt wurde. Als ich mich nach ihm umdrehte, sah ich einen Schatten auf mich zukommen. Ich dachte erst, das wäre mein Buddy, merkte aber schnell, dass es ein Hai war, der direkt auf mein Gesicht zuschwamm, um mich zu untersuchen. Ich war sprachlos. Mein Buddy tauchte wieder auf, und mit ihm ein großer Schwarm Dornhaie.Wir waren plötzlich von hunderten kleinen Haien umgeben«.

Von ihrer unerwarteten Entdeckung völlig hin und weg, tauchten Raymond und sein Buddy wieder und wieder an dieser Stelle namens »­Reve« und tauften sie scherzhaft auf den Namen »Great Barrier Reve. Sie hofften, die Haie würden im nächsten Sommer wieder auftauchen – und das taten sie auch. Im Juni waren sie zurück und sie blieben bis zum August, dann verschwanden sie wieder. Nach über 100 solcher Hai-Tauchgänge in zwei Jahren geht Raymond davon aus, dass es sich um ein alljährliches, vorhersagbares Phänomen handelt. Warum die Haie sich versammeln, ist allerdings noch nicht klar.

Hai-Hunger

Einst war der Dornhai die Hai-Art, die auf der ganzen Welt die meisten Indivuduen stellte, doch in den letzten drei Jahrzehnten schrumpften die Population unter dem Druck der kommerziellen Fischerei in Europa um 90 bis 95 Prozent. Der Dornhai ist auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) für gefährdete Arten weltweit als »potenziell gefährdet« eingestuft, wohingegen die Population in Europa als »stark gefährdet«, sprich: vom Aussterben bedroht gelistet ist. Zu retten ist die Art nur, wenn das Fischereimanagement grundlegend geändert wird.

Der Hai-Hunger der europäischen Bevölkerung hat der Population extrem geschadet. Jahrzehntelang war der kleine Hai unter diversesten Bezeichnungen in den Kühltheken zu finden.

Unter dem Namen »Rock Salmon« (Steinlachs) war Dornhai etwa in England in den »Fish ‘n Chips« zu finden, und die Menschen waren sich nicht bewusst, dass sie sich da Haifleisch auf der Zunge zergehen ließen.Die Haie waren nicht nur wegen ihrem Fleisch und den Flossen begehrt, sondern auch auch für die Gewinnung von Lebertran, Dünger und als Tierfutter interessant.


»Von allen Hai-Arten sind Dornhaie besonders durch Überfischung gefährdet, weil sie erst spät die Geschlechtsreife erlangen, nur niedrige Reproduktionsraten, eine lange Lebensspanne und eine lange Generationszeit haben«

Das erklärt der Meeresbiologe Fredrik Myhre von der norwegischen Naturschutzorganisation »Save the Sharks of the Sea« (www.hjelphavetshaier.org).  Die Generationszeit ist die Zeitspanne, die vergeht, bis sich die Anzahl der Individuen einer Population verdoppelt hat. »Bei den Dornhaien beträgt die Generationszeit 25 bis 40 Jahre. Dornhaie werden mit etwa zwölf bis 14 Jahren geschlechtsreif und gebären pro Wurf nur vier bis 20 Junge. Das und die Tatsache, dass sie 24 Monate tragen – das ist eine der längsten Tragzeiten überhaupt – macht sie extrem anfällig für Überfischung«, so Myhre weiter.

Eilsache

Obwohl die direkte Befischung von Dorn­haien inzwischen illegal ist, ist es immer noch erlaubt, sie als Beifang zu handeln, und zwar bis zu 15 Prozent des Fangvolumens, gerechnet auf ein halbes Jahr. »Dies sollte verboten werden, und wir arbeiten momentan intensiv daran, die Regierung davon zu überzeugen.« Haie können in Schwärmen bis 20.000 Individuen auftreten, den Großteil der Tiere machen trächtige Weibchen aus. Wenn die Fischer solch riesige Mengen an Haien antreffen, führt dies oft zu einem existenzgefährdenden Verlust an Tieren. Da die Fangzahlen neuerdings halbjährlich berechnet werden, dürfen die Fischer inzwischen mehr Tiere entnehmen als vorher. Die Tiere wandern, und wenn sie in Norwegen sind, halten sie sich drei bis vier Wochen in Küstennähe auf. Die Fischer aber können die gefischten Haie auf den gesamten Fang von sechs Monaten aufrechnen. Für Myhre gibt es nur eine Möglichkeit:

»Die Dornhaie brauchen so schnell wie möglich einen besseren Schutz, damit sie nicht für immer verschwinden«.

Zur Person

Lill Haugen

»For me, the true magic is in the ocean.«

www.lillhaugen.com

Reiseinfo

Stavanger liegt rund 500 Kilometer südwestlich von Oslo an der Südküste Norwegens und ist von Frankfurt aus per Direktflug zu erreichen.

Vom internationalen Flughafen Sola in Stavanger, Norwegen, braucht man mit dem Auto etwa eine Stunde nach Jæren, wo von Juni bis August große Ansammlungen an Dornhaien anzutreffen sind. Am besten nehmen Sie einen Mietwagen und suchen sich eine Unterkunft in Stavanger oder Bryne, beide Orte liegen etwa gleich nah am Tauchgebiet. Sehr einfache Mehrbettzimmer gibt es beim Stavanger Dykkerklubb. Dort erhält man auch Informationen über Haitauchen, die man dringend einholen sollte; das Tauchen mit den ­Dornhaien kann mit Fug und Recht als Pionier­arbeit betrachtet werden, man benötigt ein Tauchboot und einen ortskundigen Guide.


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