| Interview mit zwei unserer Juroren |

“Einen Film nur so lang machen, wie es das Material zulässt”

Es gibt wohl keinen deutschen und erst recht keinen brasilianischen Filmemacher im Dokubereich, dessen Filme in den letzten vier Jahren so viele internationale Auszeichnungen bekommen haben. Der letzte Film der beiden Profi-Filmer Ralf Kiefner und Andrea Ramalho, "The Feast", holte auf anhieb den Publikumspreis in Antibes. Für unterwasser erzählen die beiden von ihrer Arbeit - und verraten ein paar Tipps für unsere Filmer.

Andrea Ramalho und Ralf Kiefner. © Kiefner/Ramalho

Herr Kiefner - in Ihrem "früheren Leben" waren Sie Friseur. Wie vollzog sich die Wandlung zum Unterwasser-Filmer?
Ralf Kiefner:
Die Wandlung vollzog sich nach und nach. Ich habe ja schon als Friseur regelmäßig Fotos und Berichte für unterwasser und andere Magazine gemacht. Ebenso habe ich damals schon kleinere Filmprojekte für Vox realisiert. Als ich dann vor neun Jahren das Fotografieren und Filmen zu meinem Beruf machte, taten sich ganz neue Möglichkeiten auf. Zum ersten Mal hatte ich ausreichend Zeit für die Produktionen! Dies wirkt sich natürlich positiv auf die Arbeiten aus.

Und wie kamen Sie "zum Film", Frau Ramalho?
Andrea Ramalho:
Vor unserer ersten gemeinsamen Reise hatte ich noch niemals zuvor eine Video Kamera bedient. Ralf ging mit seiner Foto-Kamera ins Wasser und seine Video-Kamera blieb im Boot. Da habe ich sie mir einfach genommen und mein Bestes versucht. Natürlich ist damals noch nicht viel Gutes dabei herausgekommen, aber es hat tierischen Spaß gemacht. Seitdem gehe ich nicht mehr ohne Video-Kamera ins Wasser.

Ihr letzter Film, "The Feast" ist eine Dokumentation über den Sardine Run. Können wir ein bisschen mehr über die Handlung erfahren?
Ralf Kiefner:
Im Film "The Feast" haben wir Material von sechs Jahren, das heißt: sechs Saisons verarbeitet. "The Feast" beschreibt erstmalig alle Facetten des Sardineruns. Es wird gezeigt welche Jäger am Sardinerun beteiligt sind. Wir dokumentieren ihre unterschiedlichen Jagdstrategien. Manchmal bilden Todfeinde Jagdgemeinschaften und kooperieren zum beiderseitigen Vorteil. Gleichzeitig werden aus Jägern plötzlich Gejagte. Wir zeigen die Überlebensstrategien der Sardinen und wir portraitieren erstmalig auch die menschliche Seite des Sardineruns. Wir durften professionelle Fischer begleiten und erlebten, wie die gesamte Bevölkerung angesichts der unvorstellbaren Masse an Sardinen (allein die Fischer fangen jährlich 700 Tonnen) in einen regelrechten Rausch verfällt. Gedreht wurde an der Ostküste Südafrikas von der Kapregion bis nach Durban.

Wie kamen Sie auf das Thema?
Ralf Kiefner:
Zu Beginn der Dreharbeiten zu "Beyond Fear" (1998-2003) haben wir zum ersten Mal von diesem außerordentlichen Naturschauspiel gehört. Im Jahre 2000 haben wir dann für "Vox-Tierzeit" einen ersten 27minütigen Film über den Sardinerun fertig gestellt. Seitdem hat uns das Sardinenfieber erfasst! Nach sechs weitern Jahren Arbeit hatten wir dann endlich genug Material zusammen für einen sehr interessanten, außerordentlichen informativen und spektakulären, einstündigen Dokumentarfilm.

Baitball © Ralf Kiefner

Gab es schwierige oder gar gefährliche Situationen?
Ralf Kiefner:
Gefährliche Situationen gab es viele. Sardinerun-Tauchen bedeutet immer Open-Sea Diving. Manchmal wird in der Schifffahrtslinie getaucht, wo die großen Ozeanriesen fahren. Es gibt kein Riff, keinen Grund oder andere Orientierungsmöglichkeiten. Bei Strömungen unter der Oberfläche kann man schonmal Kilometerweit vom Boot abgetrieben werden. Da hilft dann nur ein sehr guter Skipper, der die Situation und die Strömungen erkennt und richtig handelt. Die Tiere sind im Fressrausch und natürlich kann es sehr leicht zu negativen Begegnungen mit Delfinen, Tölpeln und Haien kommen. Wenn Delfine auf der Suche nach den Sardinen sind, schwimmen sie oft mit Höchstgeschwindigkeit. Dabei wäre ein Delfin nach einem langen weiten Sprung über Wasser fast in mich hinein gesprungen. Eine Kollision bei vollem Tempo überlebt ein Mensch wohl kaum. Oft hatten wir mehr Angst vor den Tölpeln, die mit ihren spitzen Schnäbeln wie Geschosse ins Wasser eintauchen, als vor Haien. Nicht selten stürzten sie unmittelbar neben uns oder vor der Kamera mit lauten Knall ins Wasser. Wir hatten einen Baitball mit Makrelen bei dem hunderte Tölpel, etwa 20 Delfine und mehr als 40 Haie sich die Mäuler vollstopften. Oft wurden wir von Haien angerempelt. Es ging schließlich soweit, dass ich aufhörte zu fotografieren, um Andrea zu schützen, damit sie einwandfreie Aufnahmen ohne Wackler hinbekommt.
Schwierigkeiten gibt es beim Sardinerun eigentlich immer. Vor allem muss man sehr viel Geduld mitbringen. Es gab zwei Saisons, in denen wir jeweils vier Wochen vor Ort waren, in denen absolut nichts passierte. In der ganzen Zeit haben wir nicht eine einzige Sardine gesichtet!

Andrea Ramalho:
Ich bin einmal, bei schlechter Sicht, mit Gerät ins Wasser gegangen und wurde noch bevor ich mich sortiert hatte von drei Haien frontal gerammt. Bevor ich wusste was passiert, war die Situation schon wieder vorüber. Im Boot hatten alle tierische Angst um mich.
Davor hatten wir einen Hai, der wiederholt in den Propeller unseres Außenborders gebissen hat, sobald die Schraube zum Stillstand kam. Das war echt spannend!

Baitball © Ralf Kiefner

Es gibt wohl keinen deutschen und erst recht keinen brasilianischen Filmemacher im Dokubereich, dessen Filme in den letzten vier Jahren so viele internationale Auszeichnungen bekommen haben. "The Feast" hat gleich bei seiner ersten Vorstellung den Publikumspreis in Antibes bekommen. Was ist der schönste Preis, den Sie bisher gewonnen haben, und welchen würden Sie gerne noch gewinnen?
Ralf Kiefner:
Die beste Belohnung sind für mich die Reaktionen der Zuschauer. Wenn ein Film im TV gesendet wird bekommt man kaum Resonanz. Wenn man aber auf dem Festival mit vielen Zuschauern den Film anschaut und die Reaktionen das Feedback mitbekommt und erkennt, dass die Zuschauer unsere Message verstanden haben, dann gibt das ein saugutes Gefühl! Und wenn dann die Zuschauer, wie gerade in Antibes, unseren Film zum Besten Film des Festivals (in der Profi-Kategorie) wählen, dann hat man nicht allzu viel falsch gemacht. Immerhin konkurrieren unsere Filme mit großen Produktionen von BBC, Discovery, National Geographic, ZDF, ARD, FRANCE 3 und anderen TV-Produktionen. Wenn sich da ein Film eines so kleinen Independant-Teams durchsetzt, dann ist das nicht so schlecht. 
Andrea Ramalho:Wir haben ja drei Filme über Haie gedreht. Für mich ist es das schönste zu sehen, wie Kinder völlig interessiert die Haie betrachten, ohne jene Anzeichen von Hysterie, wie man sie oft bei Erwachsenen findet.


Eine Frage, die unsere Seestern-Teilnehmer sehr beschäftigt: Wie macht man die Jury auf sich aufmerksam?
Ralf Kiefner:
Ehrlich gesagt: Keine Ahnung - einfach gute Filme machen und abwarten. Qualität setzt sich früher oder später durch! Mit einem guten Film erreicht man nicht viel Aufmerksamkeit. Aber wenn man eine Serie guter Filme hinbekommen hat, dann spricht sich das rum.

Haben Sie einen Tipp für unsere Filmer?
In der Kürze liegt die Würze! Man sollte einen Film nur so lang machen, wie es das Material zulässt. Also: weg mit überflüssigem Kram! Ein Film sollte eine gute Story haben, auch die Filmmusik ist wichtig - sie muss zum Material passen. Übrigens: Für einen guten Film muss man nicht immer ein großes Budget haben! 

Welchen Fehler sollte man auf keinen Fall machen?
Ralf Kiefner:
Sich nicht von Material trennen zu können! 
Andrea Ramalho:
Und immer dran denken, den "Record"-Knopf nur einmal zu drücken. Ich drückte ihn vor Aufregung zwei mal, als ich einen Falschen Killerwal vor der Linse hatte, der ganz wunderbar posierte. Ärgerlich ...!

 

 

| Galerie: Der etwas andere Census |

  3 von 9  
zur Fotogalerie
 

Bisher sind noch keine Kommentare vorhanden, wir freuen uns auf Ihre Eindrücke!

Ihr Kommentar