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Wracktauchen - Anatomie einer Sucht

Schlafende Schiffe, gesunkene Zeitkapseln, viele Rätsel: Keine andere Form des Tauchens beflügelt die Fantasie so stark wie das Wracktauchen. Aber was für Menschen sind das, die ihr Glück an rostigem Stahl und nicht an bunten Korallenriffen finden?

Das Wrack der Dürnstein im Schwarzen Meer - gefunden nach mehrjähriger Suche. © Andrey Nekrasov

Kiel, die Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein, ist keine Reise wert. Nicht einmal eine kurze. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg wegen ihrer strategischen Bedeutung fast vollständig in Schutt und Asche gebombt und danach in aller Hektik wieder aufgebaut. So sieht sie auch aus: Wie ein zusammengewürfelter Haufen aus Beton, Stein und Glas. Hier gibt es zwar eine Innen-, jedoch keine Altstadt mehr. Wenn man sich auf der Webseite der Stadt umschaut, dann sieht man, dass dort für die Kieler Woche und für eine Hafenrundfahrt geworben wird – die einzigen touristischen Attraktionen, mit denen die Stadtväter glauben, bei Touristen punkten zu können.

Erinnerungs-Stücke: Marine-Ehrenmal in Laboe © Linus Geschke
Wenn da nicht das Marine-Ehrenmal im nahe gelegenen Laboe wäre: Eine Gedenkstätte, die ursprünglich für die im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Seeleute errichtet wurde. Rund 20 Millionen Besucher hat der 72 Meter hohe Turm bislang schon angezogen, und viele von ihnen kamen ausschließlich, um sich ein in Deutschland einzigartiges Relikt vergangener Tage anzuschauen: U 995, ein deutsches U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg, Typ VII C. Mehr als 700 Einheiten dieses Typs wurden einst in Dienst gestellt und U 995 ist eines der wenigen, die man heute weltweit noch besichtigen kann.
In Laboe trifft man meist Schulklassen an oder Rentner, die von der Vergangenheit nicht loskommen und am Ehrenmal Kränze für verstorbene Kameraden niederlegen. Und Wracktaucher. Ernsthafte Wracktaucher. Für die ist ein deutsches Unterseeboot aus dem Zweiten Weltkrieg so etwas wie der Heilige Gral, die Krönung einer Taucherkarriere. Gerade dann, wenn man als Erster an solch einem Wrack taucht. Sie kommen nach Laboe, um zu üben, um sich jeden Raum, jeden Winkel und jedes Detail einzuprägen. Fünf, sechs, sieben Mal hintereinander durchqueren sie das Boot, die ganz Entschlossenen am Ende sogar mit geschlossenen Augen: Vorbereitung ist alles, Orientierung auch bei null-Sicht das Ziel.

Zu Tode geliebt

Sporttauchverbände können mit solch entschlossenen Tauchern nichts mehr anfangen. Auch nicht mit denen, die etwas weniger entschlossen sind. Bei ihren Sonderkursen und Spezialbrevets „Wracktauchen“ lernen Interessierte in erster Linie nur, wie man um ein Wrack herum taucht – das Eindringen ist, bis auf weithin offene Bereiche, tabu. Die Kurse sind ausgerichtet an dem, was die Masse der Sport- und Urlaubstaucher in der Praxis macht: Geführte Tauchgänge an Schiffsrelikten wie der bei Shaab Ali im Roten Meer liegenden „Thistlegorm“.
Der 1941 bei einem deutschen Fliegerangriff versenkte Versorgungsfrachter wurde 1956 von dem Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau entdeckt und geriet danach schnell wieder in Vergessenheit. Erst die gezielte Suche von deutschen Sporttauchern machte ihre Position 1991 allgemein bekannt. Heute ist die Thistlegorm eine der größten Unterwasserattraktionen Ägyptens. Knapp 200 Tauchgänge werden dort täglich im Durchschnitt absolviert – und sie ist mittlerweile ein zu Tode geliebtes Wrack. An der Ladung aus Jeeps, LKWs und Motorrädern wurde demontiert, abgebrochen und geplündert, was abzubrechen, zu demontieren und zu plündern war. Selbst profane Gummistiefel, einst zu Tausenden vorhanden, findet man heute kaum noch. Wer will, kann die 126 Meter lange Thistlegorm als Beleg für zweierlei hernehmen: Für all das Negative, das Wracktaucher anrichten können oder aber als Beweis für die Faszination, die ein gesunkenes Schiff auch auf weniger erfahrene Taucher ausübt.

 

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