| 3D-Simulationsprogramm für Riffe |

Schneewittchens Revolution

Die Tauchbranche ist arm an echten Neuheiten: Oft müssen schon farbliche Applikationen ausreichen, um das Attribut „Neuheit“ zu verhängen. Was jedoch Schneewittchen in Hamburg entwickelt hat, könnte zu einer Revolution im Tauchbereich führen: Neptuner’s Reef Interactive – ein 3D-Simulationsprogramm zur Riffdarstellung. Text: Linus Geschke

Neue Sicht aufs Riff: 3D-Darstellung von Neptuner's Reef Interactive © Linus Geschke

Schneewittchen heißt eigentlich Claudia Bruckschwaiger, stammt aus Österreich, ist gelernte Grafikdesignerin und etwas, was sich „3D-Artist“ nennt. Lange dunkle Haare, rote Lippen, helle Haut – ein wenig erinnert sie an die Märchenfigur der Gebrüder Grimm. Schneewittchen kann mit ihren 3D- und Computerkenntnissen viele tolle Dinge machen; beispielsweise animierten Figuren in Pixar-Filmen zu lebensechten Bewegungen verhelfen. Aber Claudia Bruckschwaiger wollte etwas anderes, zumindest ab dem Zeitpunkt, als sie das erste Mal einen Guide beim Briefing auf einem Safarischiff im Roten Meer beobachtete: Wie er die Riffe zeichnete, die möglichen Tauchrouten, die Attraktionen dort. Wie wäre es, wenn man die Riffe so darstellen würde, wie sie wirklich sind? Maßstabsgerecht, in 3D, wie bei einem Computerspiel, wo man virtuelle Tauchgänge veranstalten und den Luftverbrauch überprüfen kann und sich jedes Wrack an dem Platz befindet, den es auch in der Realität inne hat?

Endlose Stunden am Rechner: Claudia Bruckschwaiger sichtete über 30.000 Fotos und 800 Stunden Filmmaterial © Linus Geschke
Das war Ende 2007 und der Guide hieß Bernhard „Huby“ Huber. Die Aufgabenteilung war schnell klar: Huber liefert die Zeichnungen sowie die Riffinformationen und Bruckschwaiger, die mittlerweile in Hamburg lebt, bastelt, entwickelt und programmiert. Ganz einfach. „Dachten wir zumindest“, erinnert sich Claudia Bruckschwaiger. „Hätten wir damals schon gewusst, welche Schwierigkeiten noch kommen, hätten wir vielleicht niemals damit angefangen.“ Problem Nummer Eins: das Geld. Rund 30.000 Euro steckte Claudia Bruckschwaiger privat hinein, nicht mehr als ein Klecks bei einem Projekt solcher Größenordnung. „Computerspiele, die einen vergleichbaren grafischen Aufwand erfordern, haben oftmals Entwicklungs- und Programmierkosten im hohen sechsstelligen Bereich“, sagt Bruckschwaiger. Ohne weitere Geldgeber war „Reef Interactive“, wie das Programm heißen sollte, schon beim Start zum Scheitern verurteilt. Die Rettung kam dann in Gestalt von Christiane Nedwed, Inhaberin der Seawolf-Flotte und Hubers Arbeitgeberin. Sie stieg als dritter Partner mit 200.000 Euro ein – Geld, was in Jahren harter Arbeit angespart wurde. Bei einer solchen Summe zuckt man auch als erfolgreiche Geschäftsfrau zusammen und denkt dreimal nach: „Heute wundere ich mich manchmal, wie schnell ich dennoch zugesagt habe. Wahrscheinlich war ich vom ersten Moment an von der Idee überzeugt.“

„Da stimmt ja nichts!“

Das zweite Problem kam dann bei der Fertigstellung der ersten Riffe ans Licht, irgendwann im September 2010. „Egal, ob wir die von Huby gelieferten Daten mit Google Earth abgeglichen oder selber nachgemessen haben: Da hat fast keine Koordinate oder Größenangabe gestimmt.“ Ein Anfängerfehler, wie Bruckschwaiger heute zugibt: „Wir hätten das von Anfang an genauer kontrollieren müssen: So war die Arbeit von knapp drei Jahren fast wertlos.“ Das Daedalus-Riff im Süden Ägyptens beispielsweise, dessen Länge Huber mit rund 450 Meter angegeben hat, ist in Wirklichkeit 1108 Meter lang. Doch nicht nur Huber und alle anderen befragten Guides lagen hier falsch; auch in nahezu allen Riffführern ist von maximal 600 Meter Länge die Rede. „Dies zeigt recht deutlich, in wieweit die gefühlten Daten von den exakten abweichen können.“, sagt Bruckschwaiger. „Und an den Brothers oder Elphinstone war es ähnlich, von topografisch schwierigen Riffen wie Um Aruk oder dem Cave-Reef bei St. Johns ganz zu schweigen.“

Erkundung vor Ort: über 400 Stunden Bestandsaufnahme unter Wasser © Anke Rohrbach
Der eine Teil brauchte exakte Daten, der andere wollte nicht einsehen, dass die von ihm gelieferten falsch waren. In der Folge führte dies zur Trennung von „Huby“ Huber und zur technischen Aufrüstung: Jede Vermessung wurde jetzt von Claudia Bruckschwaiger und ihrem Lebensgefährten Stefan Bachmann selbst vorgenommen: Mit Video-Kamera, mit GPS, mit einem Humminbird-Sonar. Mehrere Safaris wurden dafür von Seawolf organisiert, bei denen auch andere Taucher beim Sammeln der Daten behilflich waren – und mit deren Ergebnis Bruckschwaiger jetzt glücklich ist. Neben Bruckschwaiger und Nedwed stieg mit Marco Habschick dann auch noch ein dritter Partner ein, der schon vorher für das Lektorat der Texte verantwortlich war.

Briefings verändern

Wird Reef interactive erfolgreich, könnte es weite Bereiche des Tauchsports revolutionieren. Weil es die Art der Briefings verändert, die Genauigkeit unserer Tauchgangsplanung und die Sicht, mit der wir Riffe zukünftig wahrnehmen werden. Es kann an Endkunden verkauft werden, an große Tauchbasen, an Fremdenverkehrsämter. Nicht nur in Ägypten, sondern weltweit – jetzt, wo das Raster der Programmierung steht, wäre der Arbeitsaufwand zur Erstellung neuer Ziele verhältnismäßig gering. Genauso gut kann es aber auch scheitern, nur eine kleine Fußnote in der Tauchsportgeschichte bleiben. Entscheiden wird sich dies in Ägypten, dem Ursprungsland, dem zukünftigen Vorzeigeobjekt. Ob sich Schneewittchens kleine Revolution am Markt durchsetzt, liegt zu großen Teilen an dem, was dort nach der großen politischen Revolution passiert. „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ – das wäre dann allerdings wirklich fast wie im Märchen.

 

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