| 3D-Simulationsprogramm für Riffe |
Schneewittchens Revolution
Schneewittchen heißt eigentlich Claudia Bruckschwaiger, stammt aus Österreich, ist gelernte Grafikdesignerin und etwas, was sich „3D-Artist“ nennt. Lange dunkle Haare, rote Lippen, helle Haut – ein wenig erinnert sie an die Märchenfigur der Gebrüder Grimm. Schneewittchen kann mit ihren 3D- und Computerkenntnissen viele tolle Dinge machen; beispielsweise animierten Figuren in Pixar-Filmen zu lebensechten Bewegungen verhelfen. Aber Claudia Bruckschwaiger wollte etwas anderes, zumindest ab dem Zeitpunkt, als sie das erste Mal einen Guide beim Briefing auf einem Safarischiff im Roten Meer beobachtete: Wie er die Riffe zeichnete, die möglichen Tauchrouten, die Attraktionen dort. Wie wäre es, wenn man die Riffe so darstellen würde, wie sie wirklich sind? Maßstabsgerecht, in 3D, wie bei einem Computerspiel, wo man virtuelle Tauchgänge veranstalten und den Luftverbrauch überprüfen kann und sich jedes Wrack an dem Platz befindet, den es auch in der Realität inne hat?
„Da stimmt ja nichts!“
Das zweite Problem kam dann bei der Fertigstellung der ersten Riffe ans Licht, irgendwann im September 2010. „Egal, ob wir die von Huby gelieferten Daten mit Google Earth abgeglichen oder selber nachgemessen haben: Da hat fast keine Koordinate oder Größenangabe gestimmt.“ Ein Anfängerfehler, wie Bruckschwaiger heute zugibt: „Wir hätten das von Anfang an genauer kontrollieren müssen: So war die Arbeit von knapp drei Jahren fast wertlos.“ Das Daedalus-Riff im Süden Ägyptens beispielsweise, dessen Länge Huber mit rund 450 Meter angegeben hat, ist in Wirklichkeit 1108 Meter lang. Doch nicht nur Huber und alle anderen befragten Guides lagen hier falsch; auch in nahezu allen Riffführern ist von maximal 600 Meter Länge die Rede. „Dies zeigt recht deutlich, in wieweit die gefühlten Daten von den exakten abweichen können.“, sagt Bruckschwaiger. „Und an den Brothers oder Elphinstone war es ähnlich, von topografisch schwierigen Riffen wie Um Aruk oder dem Cave-Reef bei St. Johns ganz zu schweigen.“
Briefings verändern
Wird Reef interactive erfolgreich, könnte es weite Bereiche des Tauchsports revolutionieren. Weil es die Art der Briefings verändert, die Genauigkeit unserer Tauchgangsplanung und die Sicht, mit der wir Riffe zukünftig wahrnehmen werden. Es kann an Endkunden verkauft werden, an große Tauchbasen, an Fremdenverkehrsämter. Nicht nur in Ägypten, sondern weltweit – jetzt, wo das Raster der Programmierung steht, wäre der Arbeitsaufwand zur Erstellung neuer Ziele verhältnismäßig gering. Genauso gut kann es aber auch scheitern, nur eine kleine Fußnote in der Tauchsportgeschichte bleiben. Entscheiden wird sich dies in Ägypten, dem Ursprungsland, dem zukünftigen Vorzeigeobjekt. Ob sich Schneewittchens kleine Revolution am Markt durchsetzt, liegt zu großen Teilen an dem, was dort nach der großen politischen Revolution passiert. „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ – das wäre dann allerdings wirklich fast wie im Märchen.
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