| Tauchgang in der Maststation |

„Eine niederschmetternde Erfahrung“

unterwasser-Autor Daniel Brinckmann ist vor Malta zwischen den Netzen einer Tunfisch-Maststation getaucht – eine Schwindel erregende Karussellfahrt zwischen Hunderten silbriger, sich im Kreis drehender Leiber einer vom Aussterben bedrohten Fischart. Im Interview berichtet er von dieser Erfahrung. Eine ausführliche Reportage über die Hintergründe der Tunfischmast lesen Sie in der Februar-Ausgabe von unterwasser (im Handel ab 17. Januar 2013).

Gefangen im Netz: vom Aussterben bedrohte Blauflossen-Tunfische © Daniel Brinckmann


: Daniel, Sie haben vor Malta in Tunfisch-Mastnetzen getaucht. Wie sind Sie da dran gekommen?
Daniel Brinckmann: Ich wollte eigentlich immer schon zu einem Schwarm großer Tunas ins Wasser und hatte schon vor über 15 Jahren von der Mattanza gehört, diesem Schlachtfest, das anstand, wenn die traditionellen Tunfisch-Reusen nach Wochen aus dem Meer gezogen worden sind. Mittlerweile gibt es so etwas praktisch nicht mehr. Aber bei der Recherche bin ich irgendwann auf das Thema Tunfischmast gestoßen. Als dann eine Pressereise nach Malta lockte, wurde ich hellhörig und stellte spontan die entsprechenden Kontakte her.  Ich war da schon länger in Lauerstellung. 

Im Land des Sushi und Sashimi: unterwasser-Autor Daniel Brinckmann. © Archiv Daniel Brinckmann

: Wie fühlt man sich so, unter all den Tunfisch-Leibern?
Brinckmann: Klein. Sehr klein. Ziemlich unbedeutend. Natürlich fühlt man sich privilegiert, als 33-Jähriger ein bisschen das nachfühlen zu können, was Cousteau, Hass und Co. in freier Wildbahn erlebt haben. Wobei das Bewusstsein, dass einer aussterbenden Art vor den eigenen Augen Feuer unter den Schuppen gemacht wird, niederschmetternd ist. Ich war den Rest des Tages sehr nachdenklich. Und froh, mit heiler Haut aus dem Wasser gekommen zu sein. Was oberflächlich leicht ausschaut, war in Wirklichkeit einer meiner bisher schwierigsten Tauchgänge. Wegen der Sogwirkung der Tiere und dem Schwindel, weil sich ständig ein Fisch-Karussell um einen dreht und es sonst keinen Fixpunkt gibt. Und wegen des Wissens, dass meine hunderte Tauchpartner in weniger als zwölf Stunden allesamt gefroren im Kühlraum eines japanischen Schiffes vor sich hin starren werden. Dagegen ist so mancher „Extremtauchgang“ ziemlich larifari gewesen.

Schwindel erregend: Tauchgang im Tunfisch-Karussell. © Daniel Brinckmann

: Inwieweit sind die Methoden der Fischer vor Malta ökologisch bedenklich?
Brinckmann: Bedenklich sind sie vor allem deshalb, weil die Tiere in freier Wildbahn gefangen und dem ohnehin kleinen Restbestand frei lebender Blauflossen-Tunfische entnommen werden. Die geschrumpften Bestände sorgen ein Stück weit für eine Lücke in der Nahrungskette des Mittelmeeres. Würden Gesetze vorschreiben, dass  zumindest ein gewisser Prozentsatz geschlechtsreifer Tiere frei gelassen werden muss, sähe es weniger dramatisch aus. Was natürlich nicht passiert. Tacheles gesprochen: Es läuft immer auf den alten Ringkampf zwischen dicken Bündeln Geldscheinen und Umweltschutz hinaus. Und letzterer hat heutzutage nur seine Berechtigung wenn er Geld bringt. Das ist traurig, wird aber sicher noch extremer.

Abtransport: blutige Tunfisch-"Ernte". © Daniel Brinckmann


: Sind Sie vor Ort für Ihre Recherchen angefeindet worden?

Brinckmann: Eigentlich nicht, aber das kann ja noch kommen, jetzt wo die Geschichte auf Papier zu lesen ist. Die Recherche hatte ich pro forma schon Monate voraus im Kasten, Videos gesehen, etcetera. Vor Ort gab's nicht viel zu tun was das angeht. Ich wartete eigentlich nur auf die Möglichkeit. Aber ich dreh' den Spieß jetzt mal um: Ich bin dem Wassersportcenter „Oh Yeah Watersports“ dankbar für die Gelegenheit, das muss ich hier mal ganz klar sagen! Das Vorhaben wäre um ein Haar gescheitert, Skipper und Landbasis haben wirklich alles gegeben. Ohne diese Leute würden die Tiere auch gemästet und getötet. Hundertprozentig! Ob man sich Promotion und Gäste erhofft – ja, natürlich. Ob man mich gebeten hat, nichts Schlechtes zu schreiben – ja, natürlich. Aber als Journalist empfinde ich eine Wahrheitspflicht und ich werde da nicht strahlenden Sonnenschein herbeilügen. Natürlich bin ich vom Beiboot der Fischereigenossenschaft genau unter die Lupe genommen worden, und ein bisschen Glück war da sicher im Spiel. Schlechte PR braucht und will niemand, aber man muss sehen, dass das absolut kein maltesisches Problem ist. Die Regierung von Malta schützt Fischarten wie Teufelsrochen oder Riesenhai, die nirgendwo sonst an den Küsten Schutz genießen. Die Sache mit den Tunas ist ein Mittelmeer-Problem! Nur dort gibt es Fischer mit festgetackerter Selbstgedrehten im Mundwinkel, die ihre Netze auswerfen, gleichzeitig jammern über die mageren Fänge, Quoten verletzen und dann aussterbenden Arten wie Schwertfisch und Haien nachstellen, weil die Küstenfischerei unrentabel geworden ist, aber stolz erzählen, dass schon ihr Uropa Fischer war. Solange man noch einen kleinen Oktopus zwischen den Felsen findet, reicht es ja. Ziemlich kranke Romantik. Die Fischereiquoten werden in den USA viel professioneller gehandhabt, darum geht es den Fischbeständen auf der anderen Seite des Atlantiks auch viel besser. Einer meiner besten Freunde delegiert Fischereiaufseher und ist mitsamt seiner Familie für seine gewissenhafte Arbeit ganz offen bedroht worden. Nach dem Motto: „Du machst deine Arbeit zu gründlich.“ 

Endstation: Tunfischsteaks im japanischen Supermarkt. © Daniel Brinckmann
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:  In Japan sind Sie dann auf die Produkte aus der Tunfisch-Zucht gestoßen. Mal ehrlich: Wie stehen Sie zum Sushi?
Brinckmann: Ich bin kein großer Fan von Asia-Food. Sushi finde ich eigentlich ganz lecker, aber nicht so lecker, dass ich ihn brauche. In Deutschland esse ich praktisch nie Fisch, schmeckt mir hier einfach nicht. Allerdings habe ich Schwierigkeiten, Sashimi stehen zu lassen. Ich habe noch nie im Leben ein Tunfisch-Steak gekauft, aber wenn ich auf Yap in Mikronesien bin, schlage ich mit gutem Gewissen zu, weil ich weiß, dass die Spanischen Makrelen und Hundezahn-Tunas eben selbst und in kleinen Stückzahlen gefangen werden. An meinem 30. Geburtstag bin ich zum Hochseeangeln eingeladen worden und habe einen Großen Barrakuda aus dem Meer gezogen. Und siehe da, aus dem kann man auch prima Sashimi oder Sushi machen. Es muss nicht Tunfisch sein.

Ausgabe 02/2013 können Sie hier bestellen

 

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